Alte Oper

Von Vögeln, Menschen und Mischwesen

  • vonBernhard Uske
    schließen

Der große Pianist Pierre-Laurent Aimard in Frankfurt.

Ein Pianist, der die Extreme nicht nur zusammendenken kann, sondern sie auch in engstem zeitlichen Rahmen zu spielen vermag ist das Anregendste, was einem in beschränkten Umständen wie den momentanen widerfahren kann. 60 Minuten ohne die kleinste, auch nur sekundenlange Unterbrechung im Wechsel von zwei Stücken aus Olivier Messiaens „Catalogue des Oiseaux“, zwei Klaviersonaten Ludwig van Beethovens und zuletzt Karlheinz Stockhausens „Klavierstück IX“. Das alles mit äußerster Energie: Pierre-Laurent Aimard dürfte das kein Pianist so leicht nachmachen. Eine Stunde der Konzentration in fesselnder Bewegtheit ergab sich im Mozart-Saal der Alten Oper Frankfurt, wo der 63-jährige Franzose vor einem begeisterten Publikum auftrat.

Beethovens „Mondscheinsonate“ und „Appassionata“ rahmten Messiaens klangliche Erscheinung von Lerche und Waldkauz. Dies zwei Nachtgesänge mit ihren rotierend trillernden und düster dräuenden, harschen Exklamationen samt den mitklingenden jeweiligen Lebensräumen. Dazu passend, als Ausdruck einer aufgewühlten humanen Innenwelt, Beethovens rollende, auch hart grundierte und katarakthaft rauschenden Faktur. Ein rasendes, teils die Grenzen der Klavierdynamik streifendes Geschehen, wo sich die Intervall-Ornamentik wie Fasern einer wüsten Nervenkunst auslebte. Hart in der Figuration, hart im Anschlag, weit weg von verhangener oder perlender Geste. Ungemein plastisch dabei und doch alles Gewagte des Tonsatzes ausstellend.

Man dachte an die legendären Aufnahmen des längst verstorbenen Aimard-Landsmanns Yves Nat: nur dass jetzt die Virtuosität in keinem Moment des Kampfs um Klang und Gestus zu kurz kam. Krönender Abschluss war Stockhausens berühmtes Klavierstück, in dem das Akkordsäulen-Staccato seine Obertonfestigkeit verliert, sich in herrliche Hallformen und Spektralfragmente auflöst, um zuletzt fast wie Vogelgezwitscher die serielle Zerlegung als Neuschöpfung zu beglaubigen.

Gut zwei Stunden später das zweite Programm Aimards, das eine Zeit von 400 Jahren umspannte und von Jan Pieterszoon Sweelinck bis George Benjamin reichte – mit Alban Berg als Zwischenstation und Beethovens As-Dur-Sonate op.110 als Abschluss. Als hybride Objekte wollte der Pianist, wie er dem Publikum erläuterte, die vier Werke verstanden wissen: Wandlungen in einem Feld von äußerster Disziplin und freier Phantasie. Benjamins sechs Canonische Préludes „Shadow Lines“ von 2001 oder Sweelincks „Fantasia Cromatica“ und Bergs Sonate op.1: Transfigurationen, die zu einem konstrukt-affektiven Hybrid führen.

Kulminierend, und dank der Programmfolge in die Gehörgänge eingeschlichen, erschienen Beethovens „molto espressivo“ und „Fuga“ als konstruktives Mischwesen nicht nur des Komponisten, sondern auch seines genialischen Interpreten. Das Spätwerk Beethovens: keine bizarren Gegensätze und Zerfallserscheinungen, sondern Neuschöpfungen, die das wirklich Revolutionäre des diesjährigen Jubilars ausmachen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare