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Piano Panorama: Aus dem Handgelenk

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Von: Bernhard Uske

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Vom Vortrag bis zum klassischen Abendkonzert: In der Alten Oper wurde Vielfalt geboten

Sechs Pianisten, ein Klavierbauer und -stimmer sowie ein Klavierprofessor – man konnte beim „Piano Panorama“ der Alten Oper sich junge Solisten anhören, sich thematisch mit dem Klang der Langsamkeit, mit Gesprächskonzerten auseinandersetzen, mit dem Bau und dem Stimmen des Zentralmobiliars der bürgerlichen Hausmusik, sowie als Laie von einem Hochschullehrer für Klavier unterrichten lassen. Eine Art pianistische Eintags-Verbrauchermesse. Man musste sich, bei eng bemessenem Zeitrahmen für das eine oder das andere entscheiden, denn die insgesamt 15 Veranstaltungen fanden in drei Zeitfenstern in verschiedenen Sälen statt. Lediglich zum finalen Ereignis, dem Auftritt eines Stars, öffneten sich die Türen des Großen Saals zum typischen Abendkonzert.

Das war so typisch dann allerdings auch wieder nicht, denn András Schiff, der Meister eines eng gefassten pianistischen Kanons hat sich mittlerweile von den vorgeplanten Programmen des Konzertbetriebs entfernt und lässt das Publikum bis zu seinem Erscheinen auf dem Podium im Ungewissen, was gespielt wird.

Fließendes, luzides Spiel

Jetzt, beim Gastgeber Frankfurter Bachkonzerte stand natürlich der Namenspatron der Frankfurter Institution im Mittelpunkt. In Verbindung mit Wolfgang Amadeus Mozart aber, der sein spätes Fugen-Können dem Meister des Kontrapunkts verdankt. Ein In-Beziehung-Setzen, das durch das eher fließende, immer beherrschte und luzide Spiel Schiffs höchst plausibel war. Phänomenal die Formbewusstheit des knapp 70-jährigen Ungarn, der Plastizität ohne Wucht und Kraftmeierei nicht nur bei Mozarts c-Moll-Fantasie und Bachs dreistimmigem Ricercare des „Musikalischen Opfers“ gelang. Das ist die alte Schule des artistischen Reinheitsgebots, eine „seelisch-körperliche Hygiene“, wie der Deutsch sprechende Solist meinte. Seine überleitenden und analysierenden Bemerkungen boten feine Spitzen gegen Neue Musik, Regie-Theater, musikalische Zweitklassigkeit oder seine Heimat Ungarn. Außerdem gab es Haydns c-Moll-Sonate und Beethovens op. 109. Auch hier: höchste apollinische Pointiertheit, wie aus dem Handgelenk präsentiert.

Ganz anders klang das von Schiff gegebene „Präludium und Fuge h-Moll“ aus dem ersten Band des „Wohltemperierten Klaviers“ im Konzert Florian Hoelschers im „Liszt-Salon“. Statt schwingender, versonnener Bewegung harte, fast steife Setzungen des hier ganz als tektonisches Ereignis gebauten Klangkubus. Objektivierte Gestaltung, die dem letzten Werk Morton Feldmans (1926-1987) „Palais de Mari“ vorangestellt war. Eine Art regelmäßig-unregelmäßiges Tastengeläute. Eine halbe Stunde voll tropfender Unikate, die von der umliegenden Stille des Klangs exponiert wurde. Ein Exerzitium – klangliche Fastenzeit.

Der auch als Moderator bekannte Pianist Matthias Kirschnereit versuchte in seinem Gesprächskonzert „Geschwisterliebe“ eine Ehrenrettung Fanny Mendelssohn-Hensels. Wenig belastbar („vielleicht im Inneren freier als ihr Bruder“) war auch sein German-Bashing ob einer nach dem „Dritten Reich“ nicht ernsthaft gewordenen Wahrnehmung Felix Mendelssohn Bartholdys (des „als zu tiefer Tiefe Fähigem“): als hätte es die SD-Berichte über den Flop in der Volksgemeinschaft ob des Mendelssohn-Verbots nicht gegeben und als könnte man sich nicht jederzeit über die Aufführungszahlen von Mendelssohn-Werken in der Nachkriegszeit im Rahmen empirischer Musikforschung informieren. Im zweiten seiner insgesamt drei Gesprächskonzerte bot der als Pianist mehr denn als Dampfplauderer gewinnende Künstler neben Debussy-Werken auch die Schubert-Variationen Helmut Lachenmanns, mit denen der spätere Klang-Dekonstrukteur auch eine Karriere im Zuge des Neo-Expressionismus der Achtziger hätte machen können.

Martin James Bartlett, Maxim Lando und Aaron Pilsan bewiesen das Können der jungen Solisten. Hier gab es die eine oder andere Kontrastierung zum Spiel des Altmeisters Schiff. Aaaron Pilsan ging mit viel Verve an die Beethoven-Sonate op.111, während Bartlett die Haydn-Sonate Nr.31 in As-Dur als ein ziseliertes und ornamentiertes Großereignis präsentierte. Brillant war auch seine düster brodelnde und tosende Klavierfassung von Maurice Ravels „La Valse“.

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