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Pianist Jan Lisiecki: Schillernde Intervalltropfen

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Von: Bernhard Uske

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Jan Lisiecki, dirigierend am Piano.
Jan Lisiecki, dirigierend am Piano. Foto: Ansgar Klostermann/RMF © Ansgar Klostermann/RMF

Jan Lisiecki, Fokus-Künstler des Rheingau-Festivals, spielt Chopin

Ja, so kann man Chopin spielen – so wie es Jan Lisiecki bei seinem letzten Auftritt als Fokus-Künstler des Rheingau Musik Festivals 2022 jetzt im Kurhaus Wiesbadens tat. Gehört hatte man ihn hier vor einem Monat mit den fünf Klavierkonzerten Ludwig van Beethovens, denen jetzt die beiden Konzerte folgten, mit denen der damals zwanzig Jahre alte polnische Komponist das Podium der pianistischen Welt eroberte.

Das e-moll und f-moll-Konzert, entstanden 1830, stellen ein konzertantes Tandem dar, das jetzt vom gut vierzig-köpfigen Norwegian Chamber Orchestra mit dem Dirigentensolisten Lisiecki präsentiert wurde. Der Flügel war so ins Orchester hineingestellt, dass der Pianist, der bei heftigeren rhythmischen Orchesterbewegungen die dann beschäftigungslosen Hände zur taktilen Zeichensetzung nutzte, dem Publikum die gesamte Zeit eine klassische Dirigenten-Rückenpartie in Sitzstellung zeigte. Famos war der jeweilige Konzertbeginn, wo Chopin dem Tutti nur hier eine ganz eigenständige und ausführliche Darstellung gewährt. Blendende Artikulation der norwegischen Musikerinnen und Musiker erbrachte einen gerundeten, füllig-faserigen Ton mit schönen Instrumentalfarben und schwingender Plastizität.

Das Norwegian Chamber Orchestra nutzte seine Chance auch bei den weniger prominenten Partien des Tutti, wo eigentlich nur eine den Solisten profilierende Unter- und Hintergründigkeit verlangt ist. Das wollte etwas heißen, denn Lisiecki hatte seine in den Beethoven-Konzerten präsentierte Forciertheit auch hier zur Richtschnur des musikalischen Geschehens gemacht.

Ja, man kann Chopin durch die Brille extrovertierter Expression sehen und Unbedarftheiten des jungen Komponisten dabei vielleicht erkennen. Aber auch der frühe Chopin kennt schon den Eigensinn der delikaten Nuancierung und der nicht zielsuchenden Passionierung. Der rhythmisch bewegliche, improvisatorische Vortrag, der den Melismen und ihren Verzierungen eigen ist, kann schon durchaus freizügig sein.

Apropos Verzierungen: die Ornamentik des Chopinschen Stils ist weniger ein Dynamo wirbelnder und jagender Energie-Erzeugung und -entladung, sondern kann vor allem als die Koloratur des auf die Tasten übertragenen Belcanto und seiner pulsierenden und schwingenden Mikro-Sequenzierungskunst erlebt werden. Das war bei Lisiecki selten der Fall, dann aber besonders auffallend, wie die schillernden Intervalltropfen am Ende der Romanze des 2. Konzerts zeigten. Das spieltechnische Niveau des Abends, das dem begeisterten Publikum geboten wurde, war oberste Klasse.

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