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Pianist Claus Raible: Ein inniger Meister

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Von: Stefan Michalzik

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Claus Raible (Archivbild).
Claus Raible (Archivbild). © Rudi Gigler/imago

Der furiose Stilist Claus Raible im Frankfurter Jazzkeller.

In einem solchen Aufzug geht heute kaum ein Jazzmusiker auf die Bühne. Einen eng geschnittenen grauen Anzug mit Zierstreifen am Revers im Stil der vierziger und fünfziger Jahre trägt Claus Raible, dazu eine Fliege. Und selbstredend „sitzt“ die Frisur des 54-Jährigen, den man sich ob seiner lässigen Eleganz und seines dem Anschein nach ein wenig über den Dingen stehenden Auftretens bestens als Barkeeper in einem Etablissement der gehobenen Klasse vorstellen könnte.

Ausflüge in den Hardbop

Nicht minder ausgeprägt stilbewusst und retroorientiert ist die Musik des in der Nähe von München lebenden Pianisten. Bebop und gelegentlich Ausflüge in den Hardbop in reinster Kultur, ungemein stilgewiss, nicht zuletzt auch was die Kompositionen anbetrifft.

„Trio!“ hat Claus Raible sein jüngstes Album genannt. Mit einem Ausrufezeichen, denn ungeachtet der zweifelsfreien Primposition des Leaders ist es die Kunst des Triospiels, der Königsdisziplin im Jazz, die auch an diesem Abend im bestens besuchten Frankfurter Jazzkeller gefeiert wird. Die Besetzung ist auf einer Position verändert, das Repertoire auf Eigenkompositionen fokussiert, im Gegensatz zu der Auswahl von Standards in der Einspielung.

Da ist eine wohlaustarierte dynamische Binnenspannung im straff geschnürten Ensembleklang um Claus Raible, den Bassisten Giorgios Antoniou und Xaver Hellmeier am Schlagzeug. Raible bevorzugt – noch so eine Kongruenz von Äußerlichkeit und musikalischer Ästhetik – einen Stuhl mit Rückenlehne anstelle des sonst gebräuchlichen Klavierhockers: Im wörtlichen wie im übertragenen Sinne spielt er meist zurückgelehnt und überlegen. Unbeirrt ist sein musikalischer Purismus, fern des Ruchs von Rückwärtsgewandtheit.

Mit seiner superlativischen Technik und seiner geschmeidigen Geläufigkeit ein furioser Stilist, begreift Claus Raible den Bebop als vitale, als heutige Angelegenheit. Kantig ist das Spiel und harmonisch findungsreich, die Herkunft aus der Tradition von Tadd Dameron über Bud Powell bis Thelonious Monk ist deutlich – doch so wie Raible sich die Elemente von deren Hinterlassenschaft aneignet, bleiben sie nicht als Stilzitate stehen.

Claus Raible hat ein eigenes Format wie international nur wenige, die sich in diesem Genre bewegen. Und ein kultiviert inniger Meister des Gedämpften, der Balladen ist er auch, wie demonstriert unter anderem an dem Standard „Autumn in New York“ von Vernon Duke.

Sage im Übrigen bloß keiner mehr, das Publikum des Jazz abseits jenem der trendy Hipster-Musiker aus London und New York vergreise: im Jazzkeller ist es inzwischen ziemlich jung – sicher auch ein Effekt des Generationswechsels in diesem Familienbetrieb.

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