Alte Oper Frankfurt

Philippe Herreweghe und das Collegium Vocale Gent: Kecke Demut

  • Judith v. Sternburg
    vonJudith v. Sternburg
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Das Collegium Vocale Gent feiert seinen 50. Geburtstag in der Alten Oper Frankfurt.

Als das Collegium Vocale Gent vor 50 Jahren die Arbeit aufnahm, war die historisch informierte Aufführungspraxis noch nicht weit gediehen. Heute wirkt das Vorgehen der kompakten Gruppe um den 72-jährigen Gründer Philippe Herreweghe klassisch und elegant, ohne die Schroffheiten, die alte Instrumente oft mit sich bringen (und selbst das Stimmen dauert zwar lang, aber nicht ganz so lang), und frei von Exaltiertheit in der Haltung.

Einen über die Saison gestreuten „Fokus“ mit insgesamt drei Konzerten widmet die Alte Oper dem ganz unangestrengt wirkenden Pionier der ersten Stunde: jetzt mit einem Abend der Frankfurter Bachkonzerte mit Kantaten sowie einer Motette des Leipzigers, vorgetragen von Chor und Orchester des Collegium. Unter dem Titel „In der süßen Ewigkeit“, die zu erreichen aber nicht ganz so süß ist, konnte man als braver Protestant wohl den Kopf einziehen und als Karnevalist vor der Zeit wieder ernst und traurig werden. Denn nicht nur Frömmigkeit wird in Johannes Sebastian Bachs „Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist“ BWV 45 verlangt, sondern auch noch jene fatale, nämlich absolut ehrliche. „Denn der muss ewig brennen, / Der einzig mit dem Mund / Ihn Herren nennt.“ Der Counter Alex Potter sang das freilich so schön, dass keine Panik aufkam.

Diese Milde im Harten prägte das aufs Jenseits gerichtete Programm. Und fand seinen Höhepunkt in „Jesu, der du meine Seele“ BWV 78, der zweiten Kantate des Abends und der zweiten Nummer dieser Kantate: Potter und die Sopranistin Dorothee Mields hüpften, nein tanzten durch das berühmte Duett „Wir eilen mit schwachen, doch emsigen Schritten“. Kecke Demut, vor Lebenslust strotzende Hilferufe.

Nach der Pause zeigte sich der wackere Auftragnehmer Bach. In der Trauerode „Lass, Fürstin, lass noch einen Strahl“ BWV 198 gab er den Tränen um die Kurfürstin von Sachsen, Christiane Eberhardine (1671-1727), im Guten wie im Bösen „Betsäule Sachsens“ genannt, eine geschmackvolle Musik bei. Es gehört in den Machtbereich der Kunst, nicht der Kirche, dass ihr durch ein Bach-Werk, auch wenn es kein erstklassiges ist, Ewigkeit verliehen ist. „Die Nachwelt wird dich nicht vergessen, bis dieser Weltbau einst zerbricht.“ Nun ja, jedenfalls stand am Schluss dann „O Jesu Christ, mein’s Lebens Licht“ BWV 118, noch einmal in makelloser Intonation.

Das Solistenquartett wurde komplett durch den Tenor Thomas Hobbs und den Bass Peter Kooij. Die offenkundige Forderung der Stunde – Disziplin und Unaufdringlichkeit – lösten die vier allein, aber auch die 16 Sängerinnen und Sänger des Collegium in jedem Moment ein.

Zum „Fokus Philippe Herreweghe“  gehört noch ein Konzert in der Frankfurter Katharinenkirche, auch am 17. Mai wird er das Collegium Vocale Gent dirigieren, dann mit Musik von Carlo Gesualdo. www.alteoper.de

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