Kurt Weills "Silbersee"

Ein Pfad in die Zukunft

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Nein, mit Karl May hat der "Silbersee" von Kurt Weill (Uraufführung 1933!) nichts zu tun. Wohl aber gehört er, neben dem "Protagonisten" und "Der Zar lässt

Nein, mit Karl May hat der "Silbersee" von Kurt Weill (Uraufführung 1933!) nichts zu tun. Wohl aber gehört er, neben dem "Protagonisten" und "Der Zar lässt sich fotografieren", zu den Projekten, die Weill zusammen mit Georg Kaiser realisierte, dem seinerzeit berühmten Dramatiker des deutschen Expressionismus, dem nach dem Zweiten Weltkrieg eine Renaissance nicht beschieden war.

Auch Weill erzielte die durchschlagenderen Erfolge mit einem Partner, der zu einer Jahrhundertfigur des Theaters und der Dichtkunst wurde: Bertolt Brecht. Die "Dreigroschenoper", die beiden "Mahagonny"-Fassungen, das gesungene Ballett "Die sieben Todsünden" sind bester Weill, "Der Silbersee" ist (wie das spätere amerikanische Oeuvre) zweitbester. Aber immer noch zu gut, um vergessen zu werden.

Nun also "Silbersee" in der Brechtstadt Augsburg; jetzt erst recht. Die fast dreistündige komplette Version ist durchaus eine Herausforderung, weil sie die Elemente des Musiktheaters neu mischt und singende Schauspieler ebenso wie darstellerisch talentierte Sänger nebeneinander auftreten lässt. Weill, dem die letzte Gestalt seines "Mahagonny" zu opernhaft geworden schien, avisierte offenbar eine beweglichere Form. Opern-Gravität war mit den Idealen der "neuen Sachlichkeit" nicht recht vereinbar.

Diese triumphieren in den kessen Melodien, den knackigen Rhythmen, den schräg gezimmerten Harmonien der Lied- und Coupletcharaktere, die die drei "Silbersee"-Akte durchziehen und sich vom Musicalsound fundamental unterscheiden durch Meilenferne von jedem kommerzästhetischen Kalkül. Der kompositorisch ehrgeizige Busoni-Schüler Weill versteht sich daneben aber auch zu anspruchsvolleren, ausladenderen Gebilden. Schon zu Beginn erklingt ein Quintett der fünf jungen Männer, die gemeinsam "den Hunger begraben". Mehrmals dann tritt ein die Realitätsebene durchbrechender "chorus mysticus" mit mahnend-besinnlichen Sentenzen in Aktion, die in ihrer holzschnittartigen Choralhaftigkeit auch an die Luthersphäre Brecht'scher Lehrgedichte erinnern.

Bemerkenswert die Leichtigkeit und Lockerheit, mit denen Kaiser gerade Lieder zu texten versteht. Da schmiegt er sich der besonderen Begabung Weills ganz eng an. Dennoch kann man ihn schwerlich je mit Brechts ingeniöser Frivolität und seiner materialistischen Schnoddrigkeit verwechseln. Kaisers Glaube an den "neuen Menschen" flachte auch die Dynamik des "Silbersees" ab: Aus der Todfeindschaft von Räuber und Gendarm wird unverbrüchliche Männerfreundschaft, der auch ein neuerlicher Absturz in Heimat- und Mittellosigkeit nichts ausmacht. Der Silbersee, der mitten im Sommer zufriert und damit einen begehbaren Pfad in die Zukunft schafft, wird zur Metapher utopischer Hoffnung.

Die Augsburger Aufführung knüpfte an das gleichsam Entwurfartige der neuen Weill'schen Musiktheaterkonzeption an. Der Guckkasten wurde irritiert; auf der Hinterbühne hoch- und niederfahrend, machte sich das Orchester auch als theatralischer Faktor bemerkbar (mit brillanter Verve dirigiert von Kevin John Edusei). Stege und Vertiefungen der Vorderbühne wurden für das Spiel der Akteure genutzt. Mit einer flexiblen Deckenkonstruktion konnten die Bühnenbildner Timo Dentler und Okarina Weiss des weiteren Schauplätze konkretisieren.

Regisseur Manfred Weiß ließ teils wie improvisiert, manchmal aber auch in prägnant verdichteten Situationen agieren und brachte das Bühnengeschehen damit zu stets flüssig bleibender Lebhaftigkeit. Martin Herrmann als zum Philanthropen mutierender Landjäger, Michael Suttner als tenoral kraftvoller Severin, Stephanie Hampl als blühend lyrisch intonierende Lichtgestalt Fennimore, Kerstin Descher als schneidende Drahtzieherin Frau von Luber waren die exponierten Darsteller in einem weit größeren, wohlabgestimmten Ensemble.

Theater Augsburg:5., 11., 14. Februar, 13., 27. März. www.theater.augsburg.de

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