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Valery Gergiev.

Alte Oper

Petersburger: Alle Schleusen öffnen sich

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Valery Gergiev mit den Petersburgern und Tschaikowskys 5. Sinfonie in der Alten Oper.

Rein russisch war das 2. Konzert der Sonntagabendkonzerte der Alten Oper, wo das Orchester des Mariinsky-Theaters St. Petersburg mit seinem Chefdirigenten Valery Gergiev auftrat. Man gab zwei aus der zaristischen Zeit stammende Werke und eines aus der post-sowjetischen Gegenwart.

2008 hat der heute 88-jährige Rodion Schtschedrin ein „Symphonic Diptych“ geschaffen: eine eigentümlich disparate, in ihren Einzelteilen sehr überschaubare, fast schematische Faktur, die man als Ganzes durchaus als fades Stückwerk empfinden konnte. Eine Art Auszug aus einer Oper des Meisters, die fesselnder sein mag als jene gut zehn Minuten, die der Komponist dem Dirigenten des Abends einst schrieb.

Hier schon waren schöne Übergangsweisen der orchestralen Artikulation aus St. Petersburg zu bemerken, was sich entschieden in Sergej Rachmaninows 2. Klavierkonzert verstärkte. Zielstrebigkeit und großer Sog im mächtigen Tutti der Ecksätze und zarteste Flächenformung im Binnensatz waren die Rahmenbedingungen, in denen der Pianist, der 29-jährige Usbeke Behzod Abduraimov sein auskristallisiertes, höchst bewegliches und dichtes Spiel perfekt einpasste.

Das Werk war nicht der rotierende Sockel, auf dem ein Tastenlöwe seine Tatzen spielen lässt, sondern ein fließendes und wirbelndes Geschehen, in dem die vielfingrige Behändigkeit eine Art Sonderströmung im Zug des Ganzen darstellte. Klangliche Mikro- und Makro-Ökonomie ineins. Bei allem auch wuchtigem Temperament blieb doch alles schwungvoll und weit weg von hämmernder und tosender Attacke.

Was kann man einem so abgespielten Werk wie der 5. Sinfonie Peter Tschaikowskys noch abgewinnen, zumal wenn die Komposition wahrscheinlich einer der Dauerbrenner des Orchesters ist? Rubato, Verzögerungen, extreme Verbreiterungen waren es vor allem, mit denen die St. Petersburger und ihr Chef die Aufmerksamkeit schärften. An Tempozuspitzungen und Verhärtung des Klanghabits ist ja längst alles ausgereizt und geläufig geworden. Die Vergrößerungen, die man in der Frankfurter Abspielstätte zu hören bekam, waren zudem hervorragend realisiert, wirkten natürlich und boten zudem tiefe Einblicke in die Qualität des Klangkörpers, der an Glanz, an schlagkräftiger Präzision und leichtester Figur unerhörten Eindruck machte.

Im finalen Satz, wo das misanthropische Leitmotiv sich in einen egozentrischen Triumphalismus wandelt und alle Schleusen diverser martialischer und hymnischer Exhibition sich öffnen, bot das mittlerweile mehr als 200 Jahre aktive Orchester ein solches Feuerwerk der kompositorischen Selbsterhöhung und Entfesselung, dass es eine Freude war.

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