Sendesaal

Erhöhte Trennschärfe

  • vonBernhard Uske
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Das hr-Sinfonieorchester unter Ton Koopman als abgespecktes Barockensemble.

Wie man als unterbeschäftigtes, allenfalls kupiert agierendes Sinfonieorchester gut über die Runden coronabedingter Beschränktheit kommt, demonstrierte das Sinfonieorchester des Hessischen Rundfunks bei seinem Auftritt im Großen Sendesaal des Funkhauses am Frankfurter Dornbusch unter der Leitung von Ton Koopman. Einem der bedeutendsten Interpreten vorklassischer Musik, dem das Spiel mit Ensembles weit unterhalb der XXL-Klangkörpergröße nicht nur vertraut, sondern auch eine authentizitätsverbürgende Voraussetzung ist.

Small is beautiful

In der seit langer Zeit betriebenen „barock+“-Konzertreihe des HR tauchte jedenfalls jetzt das Flaggschiff des Senders, das ansonsten Räume wie den Großen Saal der Alten Oper füllt, als abgespecktes Barock-Ensemble auf, das von knapp zehn bis knapp 40 Musikern „small is beautiful“ sowohl demonstrierte als auch beglaubigte.

In kleineren Räumen mit kleinerer Besetzung: das führt in der Proportionierung zu gar keinem Verlust, sondern erhöht nur die Trennschärfe und steigert die Profile. Ein barock-klassisches, einstündiges Programm wurde geboten, das unter dem Motto „Per Mandolino“ stand. Jenem Instrument, das in den Werken der Klassikbranche von meist jungen Männern gespielt wird: zu nachtschlafender Zeit mit Vorliebe unter Fenstern und Balkonen, an und auf denen sich dazu in leichter Bekleidung meist junge Damen in Ergriffenheit zeigen.

Ganz ohne niedere Motive spielte das mehr oder minder dickbauchige, doppelsaitig bespannte Zupfinstrument eine prominente Rolle in einem Konzert des Beethoven-Zeitgenossen Johann Nepomuk Hummel. Der war zeitlebens dem diesjährigen Jubilar an Bekanntheit deutlich überlegen. Verständlich, denn der Tonfall seiner Melodien ist eingängig und nicht sonderlich exklusiv. Der virtuose und beschwingte Duktus kam dank des jungen israelischen Virtuosen Avi Avital sowie der anderen Beteiligten bestens zur Geltung, wenngleich die Schrumpfung des Sinfonieorchester-Tuttis auf knapp 30 Musiker gegenüber der Resonanzkraft der hier flachbauchigen Mandoline immer noch zu stark wirkte. Perfekt war die Klangtransparenz bei Unico Wilhelm van Wassenaer und seinem Es-Dur-Concerto von 1740, wo manch sturm-und-drängerische Haltung schon durchschimmerte.

Das abgründigste Werk des Abends war Pietro Locatellis „Il Pianto d’Arianna“ aus derselben Zeit: ein halb-illustratives Es-Dur-Concerto um die Klagen Ariadnes während ihrer Verbannung auf der Insel Naxos. Wunderbar getragen ließ Koopman die sich durch den Quintenzirkel schraubenden harmonischen Explorationen der Streicher gewähren – in für das Werk ungewöhnlich stark gewählter Besetzung. Gemeinsam mit dem schön die Seelenqual Ariadnes repräsentierenden Solo des HR-Konzertmeisters Alejandro Rutkauskas.

Natürlich durfte ein Beethoven-Werk nicht fehlen. Und mit der Ouvertüre zu Goethes Trauerspiel „Egmont“ von 1810 kam eine schneidige, nicht dräuende, aber auch nicht abratternde oder zappelige Haltung ins Spiel, die genügend Attacke und zündendes Pathos hatte. Womit der von Beethoven in die Welt der Musik gebrachten Heroen-Expression ihr durchschlagendes Format gegeben war.

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