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Khatia Buniatishvili in der Alten Oper Frankfurt.

Khatia Buniatishvili

Pausenzeichen in der Endlosschleife

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Die Pianistin Khatia Buniatishvili zerdehnt in der Alten Oper Schubert und meidet letzte Enthemmungen.

Die Programmankündigung auf der Web-Seite der Frankfurter Alten Oper hatte nahegelegt, Khatia Buniatishvili würde zu ihrem Gastspiel bei Pro Arte im Großen Saal zwischen Werke von Franz Liszt eine, nämlich die letzte Sonate von Franz Schubert platzieren. Das wäre ein starkes Stück gewesen: umrahmt von vulkanischer Klanglichkeit die radikale Rücknahme des letzten Schubert von 1828 mit seinem endlos ansetzenden Molto moderato und dem sich in verdunkelten Zonen des Variierens ergehenden Andante sostenuto. Tatsächlich aber hatte sich die 32-jährige französisch-georgische Pianistin vorpäuslich für Schubert und nachpäuslich für Liszt entschieden. Letzteres als glatter Zug auf der Zielgeraden fungierend wo für den Tastendonnergott dann standing ovations obligatorisch sind.

Ein Abend der Extreme war das Konzert trotz der programmkonventionellen Ordnung der Spannungsquellen. Hatte sich doch Buniatishvili eine Schubert-Lesart zurechtgelegt, die den ausladenden Motiv-Reduktionismus der B-Dur-Sonate D 960 in gewagte Weite ausdehnte. Nicht unbedingt zu seinem besten, blieb dabei doch das gestalterische Element des perpetuierlichen Neuansetzens von immer bald ins Stocken geratenden Passagen zu flach und unbestimmt. Eine gewisse klangliche Stumpfheit, die den ständig intervenierenden Groll-Basso-Continuo nicht genügend exponierte, war vielleicht der Stimmung des Flügels geschuldet, aber zum Teil wohl auch dem Spiel der Pianistin.

Fast das Absurde wurde mit dem völlig zerdehnten zweiten Satz gestreift. Die Variationenfolge in ihrem einsamkeits- und seufzermotivbestimmten Profil zerfiel in lauter Einzelteile. Das Ganze eine langwährende Endlosschleife von Pausenzeichen. Eine mit Trübsinnigkeit spielende Chill-Out-Note und Tasten-Tofu-Geschmack. Die belebten Sätze (Scherzo und Finale) ohne bestimmten Charakter: weder Fisch noch Fleisch. Die vier Satzphysiognomien, die aus einer einzigen klanggenetischen Quelle stammen – zerbröselt.

Der Wechsel von Schubert zu Liszt nach der Pause wurde gemildert, da die Pianistin zunächst drei lisztsche Schubert-Transkriptionen spielte: technisch makellos wie alles an diesem Abend. Bei Liszt, wo die virtuose Kontur schon im Gestaltungsverlauf gesetzt ist, wirkte die weiche, etwas unbestimmte Interpreten-Haltung trefflich, nahm die Blendwerte zurück und offerierte mehr Ausdrucksfacetten denn überscharfe Klangbilder.

Mit „Mazeppa“ und der sechsten der „Ungarischen Rhapsodien“ war dann das Höchstmaß an Fingerfertigkeit, Pulsbeschleunigung und Akkordverdichtung erreicht. Letzte Enthemmungen im Kult pianistischer Verausgabung wurden gemieden.

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