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Paul McCartney und Brian Wilson werden 80: Für immer Boys

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Die Beatles in Washington, Februar 1964: George Harrison, John Lennon, Paul McCartney und Ringo Starr (v.l.).
Die Beatles in Washington, Februar 1964: George Harrison, John Lennon, Paul McCartney und Ringo Starr (v.l.). © Imago

Lieder zum Weinen, Lieder für die Ewigkeit: Paul McCartney und Brian Wilson werden dieser Tage zusammen 160 Jahre alt. Von Klaus Walter.

Frankfurt – Wenn es einen Gott gibt, dann ist er in Geberlaune mitten im Kriegsjahr 1942. Am 18. Juni entlässt er in Liverpool Paul McCartney auf die Erde. Zwei Tage später freuen sich Audree Neva und Murry Wilson im kalifornischen Inglewood über ihr erstes Kind: Brian. Carl und Dennis sollten folgen.

Der junge Brian begreift sein Geburtsdatum als Herausforderung. Zur Welt gekommen am längsten Tag des Jahres, wächst er heran, um einige der schönsten Lieder über die Wärme der Sonne, den endlosen Sommer und über das Meer zu schreiben, darüber, wie es wäre, wenn jeder Mensch einen Ozean für sich hätte. Gesungen werden seine Lieder von Amerikas berühmtestem Familienchor der Sechziger. Brian, Carl und Dennis Wilson, Cousin Mike Love und Al Jardine, Bruder im Geiste.

Die Erfolgsformel der frühen Beach Boys: Good Time Rock’n’Roll mit Chuck Berry-Riffs und Harmoniegesang bei überschaubarem Themenspektrum: Mädchen und Mobilität, zu Lande wie zu Wasser, die Essenzen des Surf Sounds. Die Titel sind Programm: „Surfin USA“, „California Girls“, „Fun, Fun, Fun“. Bei allem Fun komponiert Brian schon bald Songs von einer gewissen Wehmut, ja Schwermut. Mit zwanzig schreibt er mit seinem Co-Autor Gary Usher ein Lied, das später als Schlüssel zu seinem Leben gelesen wird: „In my room.“ Die Entstehung beschreibt er in seiner Autobiografie, die nicht umsonst „Mein kalifornischer Alptraum“ heißt: „Gary hatte schnell erkannt, dass das Musikzimmer für mich eine Art Zuflucht war. Es wollte ihm nie in den Kopf, dass ich sogar dort schlief, direkt neben meinem Klavier.“

So klimperten sie vor sich hin „und Gary sang einen Text dazu: There’s a place where I can go and tell my secrets to, in my room...“ Wie die Beatles mussten die Beach Boys in den präglobalisierten Frühsechzigern die German Lautsprache erlernen: Aus „In my room“ wurde „Ganz allein“, „I want to hold your hand“ mutierte zu „Komm, gib mir deine Hand“.

Brian Wilsons kalifornischer Alptraum

Anders als die halbwegs demokratischen Beatles, bei denen sich Lennon & McCartney gegenseitig hochschaukeln und George Harrison sich mit der Rolle des stillen Wasserträgers mit manchmal überraschendem Input arrangiert, sind die Beach Boys ein hierarchisches Gebilde mit klarer Aufgabenteilung. Als Autor, Bandleader und Produzent muss Brian Wilson in den ersten Jahren praktisch im Alleingang bis zu drei LPs pro Jahr abliefern. Erste Konsequenz: Rückzug aus dem Tourgeschäft. Die Band bereist o,hne ihn die Welt, Brian flüchtet ins Studio, später in sein Zimmer – und in die Drogen.

Heute wissen wir, dass der Schöpfer des Surf-Sounds wasserscheu war und lieber im Bett lag als am Beach. Dass „In my room“ ein Vorbote einer schweren Agoraphobie war, unter der er lange leiden sollte. Es gehört zur Ironie des kalifornischen Alptraums, dass einige der steinerweichendsten Songs der Beach Boys als Zeugnisse einer schweren psychischen und physischen Krise verstanden werden müssen, auch hier sprechen die Titel für sich: „Til I die“, „I just wasn’t made for these Times“ und „Hang on to your Ego“, das nach dem Veto von Mike Love, der mit der Abkehr vom bewährten Surf&Fun-Format haderte, umbenannt wurde in „I know there’s an Answer“.

Es dürften diese Lieder gewesen sein, von denen Paul McCartney sprach bei seiner Laudatio zur Aufnahme Brian Wilsons in die Rock’n’Roll Hall Of Fame. „Vor allem in den Sechzigern schrieb er Musik, die mich zum Weinen brachte. Es steckte etwas derartig Tiefgehendes darin, das mich in meinem Innersten berührte. Man muss schon ein Genie sein, wenn man das mit einigen wenigen Worten und Noten hinkriegt.“ Einen seiner Geniestreiche pflegte Brian Wilson auf der Bühne so anzukündigen: „‚God only knows‘, Paul McCartney hat mal gesagt, das sei sein Lieblingssong.“ Nun muss man weder an Paul glauben noch an Gott, um „God only knows“ göttlich zu finden. Der Song eröffnet die zweite Seite des Albums „Pet Sounds“. Es erscheint im Mai 1966 und ist ein Quantensprung der Pop-Musik, wie fünf Monate davor „Rubber Soul“, wie drei Monate danach „Revolver“, beide von den Beatles.

Nie zuvor und wohl nie mehr danach passiert im Pop in kürzester Zeit mehr Bahnbrechendes als in den zwanzig Monaten zwischen Ende 65 und Mitte 67. Die Beatles wie die Beach Boys befinden sich in ihrer imperialen Phase. So nannte einst ein Schreiber des englischen Teenie-Magazins „Smash Hits“ jene kostbare Zeit im Leben einer Pop-Gruppe, in der künstlerische Produktivität und kommerzieller Erfolg zusammenfallen. Der Name des Autors ist Neil Tennant, er sollte später seinerseits eine längere imperiale Phase genießen, auch mit bald 70 bleibt Tennant ein Pet Shop Boy, wie Brian mit 80 ein Beach Boy, Paul ein Beatle. Popstardom als Garant für ewige Jugend, Boyhood, ein Männerprivileg.

Mit „Pet Sounds“ übernimmt Brian Wilson wieder die Führung im transatlantischen Wettbewerb mit den Fab Four. Die schlagen ein Jahr später zurück mit „Sgt.Pepper“. „Pet Sounds“ wird regelmäßig zu einem der besten Alben der Popgeschichte gewählt, auch dank der eigenwilligen Instrumentierung. Gitarren, Schlagwerk, Keyboards, Streicher, Bläser, klar, aber Brian Wilson musiziert auch mit Löffeln und Cola-Dosen, Plastikflaschen und Fahrradklingeln, er nimmt vorbeifahrende Züge auf und lässt Hunde bellen (apropos Hunde: die von Brian heißen Paul und Ringo).

Paul McCartneys Biss in die Selleriestange

Für den Song „Vegetables“ werden Berge von Gemüse ins Studio gekarrt. Zufälligerweise ist gerade Paul McCartney zu Besuch. Brian erinnert sich: „Wir spielten ‚Vegetables‘, Paul nahm ein Stück Sellerie und biss hinein.“ So entsteht das berühmteste weil einzige Sellerie-Solo der Pop-Geschichte, von Teilzeit-Beach Boy Paul.

Popstardom als Garant für kindliche Spielfreude, dieses Privileg konnte sich Paul besser bewahren als Brian. Seinen 80.Geburtstag begeht er auf Welttournee, jeden Abend an die 40 Songs aus mehr als 60 Jahren, von dem Mann, der 25 war, als er davon sang, wie es wohl sein würde, „when I’m sixty-four“. Kein Mensch konnte sich 1967 vorstellen, dass der süße Paul mal sooo alt werden würde, gar seine Haare verlöre – was ihm bis heute erspart blieb.

Die Sendung zum Jubiläum

Beat! Beat! Beach! 160 Jahre Paul & Brian

Für Brian dagegen beginnt zur selben Zeit der kalifornische Alptraum, von dem er sich nie mehr so ganz erholt. Es beginnt harmlos. Einem Orchester setzt er rote Feuerwehrhelme auf, um die Musiker auf den Song „Fire“ einzustimmen. Um sein Klavier lässt er einen Holzkasten bauen, den er mit Sand auffüllt: „Ich will im Sand spielen.“ Der Beach Boy holt den Beach ins Haus und wird langsam verrückt. Solche Strecken durchleben in den Mittsechzigern viele. Grenzen werden überschritten, Tabus gebrochen, Bewusstsein erweitert. Aber: Brian Wilson entfernt sich einsam und allein von der Welt. Seine Experimente und Exzesse sind nicht Resultat einer wie auch immer gearteten Emanzipation, sie sind nicht eingebettet in einen (gegen)kulturellen oder politischen Kontext, nicht abgefedert von einem Bandzusammenhang wie bei den Beatles, einen solchen gibt es bei den Beach Boys nicht.

Brian stopft in sich rein: Junkfood, Kaffee, Alkohol, Pot, Koks, Heroin, bis er ein bewegungsunfähiges Geschöpf von fast vier Zentnern wird, das über Jahre im Bett bleibt. „Der Teil von mir, der sich mit Musik beschäftigte, war sehr viel reifer, als es meinem Alter entsprach“ , schreibt Wilson in seinen Erinnerungen. Und vergisst hinzuzufügen, dass für den Rest seines Lebens, der Teil von ihm, der sich nicht mit Musik beschäftigte, weitaus unreifer blieb, als es seinem Alter entsprach. Brians Musik bleibt größer als das Bewusstsein ihres Schöpfers, was auch daran liegt, dass sie einem übermächtigen Unbewussten entspringt. „Ich spiele, was ich in mir höre.“

Paul versöhnt den Kindskopf mit seinem Über-Ich. Jetzt werden die ungleichen Boyfriends 160 Jahre alt. (Klaus Walter)

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