feu_kuhn2_250720
+
Einer von beiden: Paul Kuhn.

1992

Miteinander spielen

  • vonHans-Jürgen Linke
    schließen

Ein wiederentdecktes Duo-Klavierkonzert mit Paul Kuhn und Eugen Cicero.

Auf dem linken Kanal hört man Paul Kuhn, auf dem rechten Eugen Cicero. Aber auch ohne Ortsangaben wären die beiden gut zu unterscheiden: Paul Kuhn spielt im klassischen, sehr amerikanischen Swing-Idiom, mit einer lässig linkshändig getupften Markierung des Rhythmischen, mit feinen Linienwerken und Perlenkettchen und subtiler Dynamik, verspielten Girlanden und Schlussfloskeln. Der andere, Eugen Cicero, rhythmisiert robuster, eckiger und wuchtiger, gestaltet weite dynamische Bögen, verziert sie präzise mit melodischen und harmonischen Ideen, löst sich manchmal leichthändig aus seinen beredten Improvisationen und groovt voller Überschwang.

Das gemeinsame Konzert der beiden Altmeister in der distinguierten Salon-Umgebung des Bernhard Theaters in Zürich am 5. Oktober 1992 ist ein intimes Duo-Ereignis: Zwei profilierte Virtuosen reiben sich aneinander, spielen mit- und füreinander, geben sich gegenseitig Raum, bremsen sich aus und feuern sich an, schlagen Motive vor, hören sich zu, präsentieren bizarre kleine Nebeneinfälle und Zitate aus verschiedenen Regionen des Musikbetriebes, übertrumpfen sich mit neuen Ideen, Beschleunigungen, Exkursen, locken sich in kleine Fallen und Sackgassen und freuen sich daran, wie sie daraus entkommen. Und manchmal gehen sie einfach ein Stück Arm in Arm, verstehen sich prima und addieren sich zueinander.

Kurz: Sie spielen in des Wortes schönster und nunancenreichster Bedeutung, mit den Instrumenten und ihren Geschichten, miteinander und gegeneinander, mit dem Great American Songbook und Chopin und Gershwin.

Das Album

Paul Kuhn / Eugen Cicero: Bernhard Theater Zürich 05.10.1992. In + Out Records.

Das Konzert zeigt beide auf der Höhe ihres musikalischen Überblicks und Könnens, das sich in widersprüchlichen Kontexten entwickelt und konturiert hat. Paul Kuhn, geboren 1928 in Wiesbaden, gehörte nach dem Zweiten Weltkrieg zu den Pionieren des zentraleuropäischen Jazz, trat ab Mitte der 50er Jahre zunehmend mit bierseligen Schlagern in Erscheinung, leitete die Bigband des Senders Freies Berlin (SFB), war in zahlreichen Fernsehshows zugegen und geriet in biografische Turbulenzen, als die SFB-Bigband aufgelöst, sein Plattenvertrag mit der EMI Electrola gekündigt und seine Fernsehshows eingestellt wurden. Anfang der 90er Jahre knüpfte Kuhn wieder an seine nie ganz abgebrochene Karriere als Jazzmusiker an.

Eugen Ciceros kam 1940 in Vad, Rumänien, zur Welt und war Klavier-Wunderkind, hatte mit sechs Jahren seinen ersten Auftritt mit einem Mozart-klavierkonzert und wurde früh mit einer Professur an der Bukarester Musikhochschule ausgestattet. Da hatte er aber schon den im Osten nicht gut beleumdeten Jazz für sich entdeckt. Als er 1962 mit einer Tanzkapelle ein Engagement in Berlin (Ost) hatte, nahm er die Gelegenheit wahr, sich in den Westen abzusetzen. Das war die Zeit des „Play Bach“, zu der Cicero mit großem Erfolg seinen Rokoko-Jazz beitrug. Er wurde Mitglied des Rias-Tanzorchesters, dann engagierte Paul Kuhn ihn beim SFB.

Zwei gute alte Bekannte also, die wissen, was sie sich gegenseitig zutrauen und zumuten können und dabei spürbare Spielfreude entwickeln. Hier und da singt Paul Kuhn auch völlig un-virtuos mit leiser, charismafreier Stimme, die gerade dadurch unverwechselbar ist.

Alles ist hier handgemacht. Dass ein Mitschnitt des Konzerts als vergessene Tonbandkassette die Jahrzehnte überlebt hat, ermöglicht nun die Begegnung mit einem fein geschliffenen Edelstein vergangener Musikkultur.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare