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Patti Smith in der Jahrhunderthalle: Nutzt eure Stimme!

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Von: Sylvia Staude

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Es scheint, Patti Smith will uns alle umarmen.
Es scheint, Patti Smith will uns alle umarmen. © Imago

Patti Smith rockt die Frankfurter Jahrhunderthalle und feuert das Publikum an.

Es war Patti Smith, die 2016 in Vertretung für den (scheuen? arroganten?) Bob Dylan in Stockholm den Literaturnobelpreis annahm, die aus diesem Anlass sein „A Hard Rain’s A-Gonna Fall“ sang, die abbrechen musste, weil sie für einen Moment den Text vergessen hatte, die schlicht sagte „Ich bin so nervös“ und noch einmal anfing. Und wen ihr intensiver, von sparsamer Gitarre begleiteter Gesang nicht vorher schon bewegt hatte, der war es gewiss beim zweiten Anlauf.

Man kann sich die inzwischen 75-jährige Patti Smith nicht ohne ihr außergewöhnliches Leben denken, die vielen Freundschaften mit Poeten und Musikern, die Partnerschaft mit Robert Mapplethorpe. Dieses Leben, reich wie auch immer mal entbehrungsreich, sitzt ihr bei jedem Konzert gleichsam auf der Schulter; es leuchtet auf in den von ihr gewählten Cover-Versionen oder wenn sie, wie jetzt in der Frankfurter Jahrhunderthalle, mit Vehemenz Allen Ginsbergs „Footnote to Howl“ liest, nachdem sie erzählt hat, wie sie an Ginsbergs – friedlichem – Sterbebett saß, während draußen die Ratten herumrannten.

Sie winkt und lacht, als sie auf die Bühne kommt, sie wirkt entspannt, wippt in den Knien, oft sind ihre Hände in Bewegung, als wolle sie uns den Weg weisen. Sie hat tatsächlich etwas Schamanenhaftes, wie man es ihr gelegentlich zuschreibt. Sie ist freundlich, wirkt zugewandt, aber in keinem Augenblick lauwarm. Lauwarm gehört nicht zu Patti Smiths Repertoire, auch nicht bei den zart, balladenhaft vorgetragenen Liedern – an diesem Abend sind das „Nine“ und Bob Dylans „One Too Many Mornings“. Ihr Sohn Jackson Smith begleitet sie auf der akustischen Gitarre.

Doch überwiegend ist das ein (knapp zweistündiges) Konzert mit ordentlich Wumms, E-Gitarren-Gegniedel (wie seit Jahren sind Lenny Kaye und Tony Shanahan, Bass, auch in Frankfurt dabei, Jay Lee Daugherty am Schlagzeug) und vor allem: einer stimmmächtigen, hingebungsvoll röhrenden, am Ende von Zeilen kess kieksenden Smith. Fast könnte man meinen, sie sei sich ihrer Sache, sei sich jedes trotzigen, kraftvollen Tons noch sicherer als früher. Weiße Haare und immer noch eine Punk-Rockerin? Unbedingt.

Es ist nur folgerichtig, dass die Jahrhunderthalle nicht komplett bestuhlt ist, dass vor der Bühne sich eine bald hüpfende und die Arme schwenkende Menge versammelt hat. „Raise your arms, feel your blood“, befiehlt sie, „feel your body“ und: „we need to take things in our hands“, wir müssen die Dinge selbst in die Hände nehmen. Smith ist Aktivistin, vor allem für den Umweltschutz, auf der Bühne gibt sie auch die Animateurin, sei es fürs Wählengehen, sei es für bessere Waffengesetze. Und in Frankfurt, es ist schließlich heiß, rät sie uns mütterlich, viel Wasser zu trinken.

Nicht, dass der Eindruck entsteht, sie rede zu viel. Sie macht zuallererst Musik. Knallt „Free Money“ hin und „Don’t Say Nothing“, „Dancing Barefoot“ und „Pissing In a River“, liefert ein immer noch enthusiastisch vorgetragenes „Because the Night“ ab, geschrieben einst für ihren Mann Fred „Sonic“ Smith. Erinnert uns erneut, dass wir können, wenn wir wollen. Während wir bereit sind zu unterschreiben, dass niemand sie an Coolness überbietet.

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