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Pale Blue Eyes „Souvenirs“: Blaubeerbier mit Schaumkrone

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Von: Olaf Velte

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Pale Blue Eyes. Foto: Sophie Jouvenaar
Pale Blue Eyes. Foto: Sophie Jouvenaar © Sophie Jouvenaar

Sanfte Höhenflüge aus Devon – Pale Blue Eyes und ihr Debüt „Souvenirs“.

Hier sind Leute, die anlässlich einer Single-Veröffentlichung auch schon mal eine neue Biersorte präsentieren. Gereicht wird „Pale Blueberry Eyes“ – blaubeerbasiert und fein säuerlich austariert. Eine dem Gärbottich entstiegene Mixtur, die bei dem Trio Pale Blue Eyes letztlich zu Sound und Vision wird. Ihr nun erschienenes Debüt „Souvenirs“ entbehrt nicht einer süffigen Schaumkrone, einer bittersüßen Harmonie.

Den in die Grafschaft Devon eingebetteten Marktflecken Totnes haben sich das Ehepaar Lucy und Matt Board nebst Bassist Aubrey Simpson zum Zentrum ihres Schaffens auserkoren. Eingebunden ins ländlich-bukolische Sein wird mit der örtlichen New Lion Brewery kooperiert, in deren duftigem Sortiment sich Wahrnehmungswandler vom Schlage „Black & Blue Milk Stout“ (7,6 Volumenprozent) befinden.

Mit „Globe“ beginnt ein Zehnerpäckchen von Songs, eine Reminiszenz an Großbritanniens heroische Ära der in Manchester ausgerufenen Psychedelic-Revolution. Obwohl ein Velvet-Underground-Klassiker als Bandname herhalten muss, ist gitarrenbetonter Minimalismus keine Option. Im Laufe von 45 Minuten türmen sich Rhythmusgüsse und Synthesizerschwünge zu einer durchaus cremigen, das griffige Handwerk an Bass, Gitarre und Trommelstock nicht verleugnenden Elektropop- Variante. Mitsamt Matt Boards nie auftrumpfendem, aber emblematischen Falsettgesang.

Ein Gutteil des straff organisierten Materials auf „Souvenirs“ erinnert an herrliche New-Order-Momente, in „Honeybear“ feiern die frühen Ride eine willkommene Wiedererweckung, ist deren „Polarbear“ nur einen Tatzenhieb entfernt. Voller Sanftmut sind diese im eigenen – mittels mühsam angehäufter Ersparnisse realisierten – Studio entstandenen Stücke, jenseits von Aggressivität und Selbstzerknirschung. „Little Gem“ kommt an dritter Stelle und ist der in daunenzarten Pop eingelassene Schmuckstein.

Das Album:

Pale Blue Eyes: Souvenirs. Full Time Hobby/Rough Trade.

Mit Jobs in Plattenläden

Drei Eigenbrötler also, biertrinkend, in Plattenläden arbeitend und Dissertationen zu „Sheffields alternativer Musik-Szene zwischen 1973 und 1978“ abliefernd (Schlagzeugerin Lucy Board stammt aus der von fünf Flüssen durcheilten Stahl-Stadt). Sie lassen sich alle Zeit der Welt, umgeben sich mit ehrwürdigen Echo-, Fuzz- und Hall-Gerätschaften, inszenieren wie selbstverständlich das neue Alte.

Pale Blue Eyes müssen keine Erwartungen befriedigen, sie ruhen in sich und in jener Totnes-Romantik, die eine genossenschaftlich betriebene Löwen-Brauerei in ihrer Mitte weiß, einen wahren Quell der Inspiration. Irgendjemand hat die Zuschreibung „Devon Cream-Adelica“ aufs Tapet gebracht, andere Lippen flüstern von „epischer Gemütlichkeit“, gar „süßer Wehmut“.

Wie dem auch sei, „Champagne“ ist hier der Hit. Eleganz, sich erhebend aus einem Intro der exakten Schläge, verzerrten Gitarrenfiguren, wuchtenden Bassläufe. Nach einer Minute geht der aus Rahm und Zartbitterschokolade geformte Raumgleiter auf Kurs, lässt die im Wind taumelnden Herbsthecken, die Bitternis des Tages zurück. – Eine ähnlich beruhigend-gelassene Musik hat sich hier seit langem nicht mehr materialisiert.

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