Pablo Held. Edition Records
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Pablo Held.

Jazz

Pablo Held: Energie des Zusammenhangs

  • vonHans-Jürgen Linke
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„Ascent“: Pablo Helds neues Album mit maximal sechsköpfigem Trio.

Das Pablo Held Trio hat sich unter den Klaviertrios des europäischen Jazz eine herausragende Stellung erarbeitet – durch Dauer, Fruchtbarkeit und Intensität der Zusammenarbeit und die einzigartige Verbindung von fugenlos ineinandergreifendem Zusammenspiel und weiträumigem idiomatischen Gelände, auf dem die Musik sich bewegt. Für sein neues Album „Ascent“ hat sich das Trio mit dem brasilianischen Gitarristen Nelson Veras zum Quartett aufgestockt und für einige Stücke die Vokalistin Veronika Morscher und den Klarinettisten Jeremy Viner ins Studio geholt. Gleichwohl hört man immer das Pablo Held Trio; das ist eine gute Nachricht.

Wie hängt das zusammen?

Das Album:

Pablo Held: Ascent. Edition Records.

Energie in der Musik muss nicht unbedingt bedeuten, dass es laut und schnell wird. Das maximal sechsköpfige Pablo Held Trio verausgabt auf „Ascent“ erhebliche Energiemengen, ohne dass die Musik nennenswert über ein Mezzoforte hinaus ginge. Die zentrale Frage, dem die Energie gilt und für deren Beantwortung sie aufgewandt wird, ist: Wie kann man das alles, was hier geschieht, zusammenhalten und damit einen Spielfluss und einen Zusammenhang produzieren?

„Das alles“ besteht aus anspruchsvollem Material mit ständig wechselnden Metren, Rhythmen, Klangfarben und enorm variabler Dynamik; aus beharrlichen Wiederholungen, plötzlichen Brüchen, präzisen Verabredungen und lupenreinem Gleichklang, weit auseinanderliegenden und doch aufeinander bezogenen improvisatorischen Gesten, einem transparenten Klangbild bei häufig überraschenden Sound-Konstellationen, die nicht immer schon in der ersten Sekunde entschlüsselt werden können; dazu einem Spiel-Fluss, der nicht reißt und an jeder Stelle, und sei sie noch so schmal, Unbeirrbarkeit ausstrahlt. Und jedes Stück fängt mit allem neu an und geht nie auf Bekanntes zurück.

Nelson Veras’ akustische Gitarre kann homogen mit dem Gruppenklang anreichernd verschmelzen und tritt dann wieder behutsam für eine markante Solopassage vor. Der im Titel benannte Aufstieg zieht sich über neun Stücke. Für vier davon zeichnet nicht Pablo Held verantwortlich, sondern Peter Held (Pablos Vater), Sergei Rachmaninoff, Federico Mompou und Thelonious Monk. Erstaunlich, wie Monks „52nd Street Theme“ ebenso wenig nach Bebop klingt wie Mompous „Musica Callada“ nach Impressionismus und Rachmaninoff nach spätromantischem Klavierkonzert. Stets organisiert sich das Material zu einer eigenen Klang- und Farbenwelt. Und in „Forest Spirits“ hört man Veronika Morscher Stimme und Jeremy Viner Klarinette in einer so subtil gearbeiteten Passage, dass sie weniger als Stimmen erscheinen, sondern als klangfarbige Komponenten.

Farben scheinen das zentrale Anliegen dieser Musik zu sein, auch wenn eines dieser schwindelerregend perlenden Klaviersoli erklingt, wenn Jonas Burgwinkel am Schlagzeug die Ufer des Spielflusses pointillistisch markiert und Robert Landfermann freigestig strukturierend in der Tiefe tupft. Das Pablo Held Trio und seine Gäste zeigen sich nicht erst, aber ganz besonders auf „Ascent“ als energetische und feinsinnige Klangfarben-Anbeter.

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