Cosima Sophia Osthoff, 1963 in Aachen geboren, begann ihre Theaterkarriere 1990 in Lübeck.

Dirigentinnen

„Orchester werden überwiegend weiblich besetzt sein“

  • Judith v. Sternburg
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Cosima Sophia Osthoff, Deutschlands einzige Dirigierprofessorin, über ihre Skepsis und über Hindernisse, die von selbst schwinden.

Frau Osthoff, wann und wodurch wurde Ihnen klar, dass Sie Dirigentin werden wollten?

Eher zufällig zunächst. Ich habe Klavier studiert und dazu Dirigieren. Danach habe ich mich noch mal für ein Aufbaustudium beworben, Klavier und eben auch Dirigieren. Als ich für beides angenommen wurde, habe ich mich mit der naiven Arroganz einer 26-Jährigen fürs Dirigieren entschieden – ich wollte Chef bei einem Rundfunkorchester werden. Nach drei Semestern in Karlsruhe bekam ich ein Engagement ans Theater Lübeck und entdeckte die Oper.

Waren Sie im Studium als Frau allein auf weiter Flur?

Ja. Aber die Klasse war ohnehin sehr klein.

Gab es Vorbehalte?

An meiner Hochschule damals gar nicht. Ich war Huhn im Korb und hatte offenbar eine begnadet gute Aufnahmeprüfung abgelegt, so dass mich jeder schon kannte, bevor ich richtig angekommen war.

Hatten Sie Vorbilder?

Nein, allerdings habe ich auch keine gesucht. Ich war da merkwürdigerweise immer sehr autark. Das vermisse ich bei heutigen Studierenden.

Wenn man zum ersten Mal vor ein Orchester tritt: Macht es da einen Unterschied, ob man eine Frau oder ein Mann ist?

Heute hoffentlich nicht mehr. Was mich betrifft: Ich habe am Anfang nicht darüber nachgedacht. Ich bin in einem emanzipierten Elternhaus groß geworden. Es hieß immer: Alles ist möglich – du kannst Chemie studieren oder Eisenhüttenkunde, oder du kannst Flieger werden, wenn du das möchtest. Ich weiß erst heute, was das für ein Pfund war. Ich war völlig unbekümmert, obwohl ich das karierte Maiglöckchen mit Punkten war. Damals gab es in Deutschland im Grunde nur Julia Jones, die war etwas früher dran als ich.

Und Simone Young.

Die aber fast schon zeitgleich war. Und Mascha Blankenburg natürlich, die dann ein Buch schrieb, für das sie 90 Dirigentinnen interviewte, mich auch ...

... „Dirigentinnen im 20. Jahrhundert“, das 2003 erschien ...

... und wenn man auf die Biografien guckt, dann sieht man leicht, dass 90, 95 Prozent der damals Interviewten heute in der freien Szene sind. Das kann familiäre Gründe haben, die für eine beruflich sehr stark engagierte Frau bis heute nur schwer zu lösen sind. Aber es hängt wohl auch mit dem Druck zusammen, den der Theaterbetrieb mit sich bringt und den viele dieser Frauen nicht auf sich genommen oder auch nicht ausgehalten haben. Das ist knochenhart, auch für Männer.

Was sagen Sie jungen Frauen, die ein Orchester leiten wollen?

Ich kläre sie so schonungslos auf, wie es geht. Aber nicht nur die Frauen, sondern auch die Männer. Wer dirigieren will, darf keine Angst haben, muss technisch wirklich sattelfest sein und manchmal auch Zähne zeigen können. Außerdem muss man sich beim Dirigieren total öffnen können. Sonst erreicht man das Orchester nicht, kriegt es nicht auf die Stuhlkante. Wenn es funktioniert, kann das zu großartigen Momenten führen. Ich erinnere mich an einen „Parsifal“, durch den ich mit dem Orchester praktisch durchgeschwebt bin, ein Erlebnis für alle.

Hat jemals jemand behauptet, als Frau könnten Sie keinen Wagner dirigieren?

Ja, klar. Halb scherzhaft, halb ernst natürlich. Ich habe beschlossen, es scherzhaft zu nehmen. Wenn Sie zu viele solche Sachen serviert bekommen, nehmen Sie es aber irgendwann leider doch ernst.

Beim Dirigieren ist man extrem sichtbar. Haben Sie sich als Dirigentin äußerlich sehr bewertet gefühlt?

Ich habe lange versucht, mich dem so gut es ging zu verweigern. Am Anfang war ich manchmal ziemlichem Sexismus ausgesetzt. Später, als ich anfing, solche Anzüglichkeiten als Spiel und nicht als Angriff zu nehmen, wurde es besser.

Sie wurden 2001 Erste Kapellmeisterin in Gelsenkirchen, es ging gut bergauf, bis Sie in Heidelberg bei der Bewerbung um eine GMD-Stelle 2003 in eine böse Situation geraten sind. Es gab eine Schmutzkampagne gegen Sie, was dann bundesweit für Kritik am Haus und am Intendanten sorgte. Ihnen nutzte das aber nichts.

Im Gegenteil, ich habe sehr lange gebraucht, um wieder den Mut zu fassen, mich zu bewerben.

Würde das heute noch so ablaufen können?

Vorhin habe ich eine Radiosendung über ein neues Buch (Torsten Körner: „In der Männerrepublik. Wie Frauen die Politik erobern“, d. Red.) gehört. Im Beitrag ging es mit Blick auf die Politik genau um das, was auch mein Eindruck ist: An der Oberfläche sieht es gut aus, aber wenn Sie eine Schicht tiefer gehen oder hinter die Kulissen schauen, sind die meisten Strukturen wie gehabt. Und in gewissen Abständen erscheint in einer Zeitung ein Artikel über Dirigentinnen, aus dem hervorgeht, dass alles viel besser geworden ist. Und dann geht es weiter wie zuvor.

Heute können Sie sehr direkten Einfluss auf die nächste Generation nehmen.

Das ist der Vorteil an meiner neuen Rolle – ich kann Frauen ermutigen, etwas zu wagen, woran sie selbst vielleicht gar nicht gedacht haben. Wobei man sagen muss, dass sich immer noch deutlich mehr Männer bewerben.

Jenseits Ihrer Skepsis: Wann wird es besser werden?

Spätestens in zwanzig Jahren werden die Orchester überwiegend weiblich besetzt sein. Die Mehrzahl derer, die heute ihren Abschluss machen, sind weiblich, das ist nicht mehr aufzuhalten. Und wenn ich das Hochschulorchester dirigiere, wundert sich niemand darüber. Den Studierenden ist sicher nicht klar, dass ich die einzige Dirigierprofessorin in Deutschland bin.

Interview: Judith von Sternburg

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