Brigitte Fassbaender.
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Brigitte Fassbaender.

Memoiren

Opernsängerin Brigitte Fassbaender: „Die fränkelnde Hemdsärmeligkeit war meine Sache nicht“

  • vonWilhelm v. Sternburg
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Die hochsympathischen Erinnerungen der Sängerin Brigitte Fassbaender.

Ob als Octavian, als Prinzessin Eboli, ob als Amneris, Carmen oder als Liedsängerin – wer immer das Glück hatte, die Mezzosopranistin Brigitte Fassbaender auf der Bühne oder im Konzertsaal zu erleben, wird diese scheue und schöne Künstlerin, ihre strahlende und beherrschte, auch in den spektakulären Höhen so herrlich sichere Stimme nicht vergessen haben.

Als Sängerin trat sie im Laufe ihrer Karriere in nahezu allen großen Opernhäusern der Welt auf, umjubelt in Salzburg und an der Met, an der Scala und in Covent Garden, an ihrer Hausbühne in München oder in Berlin. In Bayreuth blieb die Waltraute (unter Georg Solti) dagegen ihr einziger Auftritt. „Dem Bayreuther Rummel, der familiären, eingeschworenen Wagner-Gemeinschaft um Enkel Wolfgang stand ich eher reserviert gegenüber“, erklärt sie in ihren sensibel geschriebenen, für Opernfreunde ungemein interessanten Memoiren. „Die fränkelnde Hemdsärmeligkeit war meine Sache nicht.“

Brigitte Fassbaender war nicht nur eine begnadete Sängerin, sondern auch eine großartige Schauspielerin. Keiner der wichtigen Opernregisseure ihrer Zeit – ob Rudolf Hartmann, Günther Rennert, Otto Schenk, Kurt Horres oder Harry Kupfer –, der nicht mit ihr arbeitete, kein bedeutender Dirigent – ob Carlos Kleiber, Wolfgang Sawallisch, Riccardo Chailly oder Rafael Kubelik –, der sie nicht an sein Haus einlud. Karajan musste sie dreimal absagen, dann meldete sich der schwierige Mann nicht mehr.

1994/95, sie ist 54 Jahre alt, beendet sie ihre Karriere als Sängerin. Diese von sich selbst immer Erstklassigkeit fordernde Künstlerin will keinen altersbedingten Leistungsabfall dulden. Sie verlässt die Bühne, als das Publikum sie noch begeistert feiert. Die menschliche Stimme, schreibt sie, „die zu einem Instrument geformt wurde und dadurch zu künstlerischem Ausdruck befähigt ist, ist ein höchstsensibler Apparat“. Singen, so hat sie früh gelernt, ist ein „Höchstleistungssport, für den man sich ständig fit halten muss“.

Brigitte Fassbaender: „Komm’ aus dem Staunen nicht heraus“. Memoiren. Beck, München 2019. 381 S.. 26,95 Euro.

„Die große Liebe meines Lebens heißt Franz. Franz Schubert“, lässt sie ihre Leser wissen. „Lange bevor ich mich ihm singend näherte, diesem größten aller Liedkomponisten, studierte ich seine Kammermusik und die Symphonien. In dieser Klangwelt war ich zu Hause, sie löste, sie befreite mich, sie umgab mich wie ein schützendes Gehäuse.“ Brigitte Fassbaender gehört zu den Pionierinnen auf dem Konzertpodium, die Liederzyklen sangen, die das Publikum bislang nur Männerstimmen zugebilligt hatte. Mit Schuberts „Winterreise“ und dessen „Schwanengesang“ etwa gelangen ihr überzeugende Deutungen. Immer wieder betont sie auch ihre große Liebe zu den Liedern Gustav Mahlers. Helmut Deutsch, Klavierbegleiter vieler großer Sängerinnen und Sänger, berichtet von einer frühen Begegnung: „Vom ersten Moment war ich förmlich gebannt von der ungeheuren Intensität und Leidenschaft dieser Sängerin.“

Nach dem ersten beginnt ein zweites Künstlerinnenleben: Brigitte Fassbaender wird eine sehr erfolgreiche Regisseurin des Musiktheaters, arbeitet vier Jahre als Operndirektorin in Braunschweig, ist zwölf Jahre Intendantin des Tiroler Landestheaters in Innsbruck, leitet diverse Musikfestivals. Ihr Credo als Regisseurin: „Als Musikerin, als Bühnenpraktikerin lasse ich mich bei der Erarbeitung einer Operninszenierung immer noch und immer wieder von der Musik inspirieren, in der atmosphärisch alles gesagt ist, was Worte nicht vermögen. Und von den Menschen, die die Rollen zu gestalten haben.“ Überlegungen, die nur wie Selbstverständlichkeiten klingen und die in der Tat viele ihrer Theaterarbeiten – seit 1990 sind es mehr als 70 Inszenierungen – auszeichnen.

Die heute 80-Jährige plant für 2021 bei den Tiroler Festspielen in Erl den Start einer neuen – ihrer ersten – Inszenierung von Wagners „Ring des Nibelungen“. Das Theater lässt sie nicht los. „Komm aus dem Staunen nicht heraus“ (Hugo von Hofmannsthal legt diesen Satz seinem Ochs von Lerchenau in den Mund) lautet auf wunderbar zutreffende Weise der Titel ihrer Erinnerungen. Neugier scheint wahrhaftig eine der Triebfedern ihrer rastlosen Arbeit für das Musiktheater zu sein.

Brigitte Fassbaenders Autobiografie erzählt von einem Kind, das in einem Künstlerhaushalt aufwuchs. Der Vater war ein berühmter Opernsänger und der erste Lehrer der Tochter, die Mutter eine bekannte Film- und Theaterschauspielerin. Von Berlin führte der Weg nach Hannover und Nürnberg. Das erste Engagement erhielt sie als 21-Jährige an der Münchner Staatsoper, die damals von Rudolf Hartmann geleitet wurde. Mozart, Richard Strauss, Offenbachs „Hoffmanns Erzählungen“ – es war der Beginn einer großen Laufbahn.

Fassbaender berichtet natürlich auch über die vielen Begegnungen mit Künstlerkollegen, immer kollegial, fern allen Klatsches und gelegentlich mit Ironie. Für Frankfurter sei zitiert, mit wie viel (offenbar gegenseitiger) Sympathie die Regisseurin über den hiesigen Intendanten schreibt, „der eines der erfolgreichsten Opernhäuser Deutschlands leitet“: Bernd Loebe „kam nach Innsbruck, sah sich einige Regiearbeiten von mir an und lud mich ein, in Frankfurt ,Ariadne auf Naxos‘ von Richard Strauss zu inszenieren. Die Aufführung wurde erstaunlich gut aufgenommen, und das nächste Angebot folgte auf dem Fuße, das heißt, schon auf der Premierenfeier schmiedete Loebe für mich die nächsten Regiepläne.“

Auch die Schattenseiten einer großen Karriere werden in diesen klugen, engagierten und – soweit es möglich ist, das zu beurteilen – ehrlichen Erinnerungen nicht verborgen: Die künstlerischen Auseinandersetzungen, das heimatlose Leben eines Weltstars in Hotels und im Flugzeug, die nie vergehende Nervosität vor Auftritten oder Premieren, die üblichen Theaterintrigen, der Kampf der Intendantin um Geld und um ein Publikum, dass immer wieder von der Moderne des Musiktheaters überzeugt werden muss. „Glücklicherweise ist meine Lebenslust im Laufe der Jahre und des Älterwerdens ständig gewachsen, was ich sehr genieße, weil es die meiste Zeit meines Lebens anders war.“

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