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„Wie froh bin ich, dass ich kein Kavaliersbariton oder lyrischer Sopran bin“, sagt Franz-Josef Selig, hier auf der Opernbühne.

Interview

„Ich bleibe lieber auf der anderen Seite“

Franz-Josef Selig, in der Frankfurter Oper in „Macht des Schicksals“ zu hören, spricht im FR-Interview über seine Versuche, kein Opernsänger zu werden, und das Glück, ein sehr tiefer Bass zu sein.

Herr Selig, man kann den Eindruck gewinnen, Sie mussten dazu gezwungen werden, Opernbass zu werden.
Ja, das ist wirklich so. Ich hatte, wenn ich das so platt sagen darf, überhaupt keine Beziehung zur Oper. Ich bin in der Kirchenmusik und in der Alten Musik groß geworden, die Orgel war mein Instrument. Opernsingen fand ich schrecklich. Ich gehörte zu den Lästerern, die sagten: Das ist wie mit Blockflöten, schlimmer als zwei sind drei gleichzeitig. Meine erste Oper live gesehen habe ich mit 24 Jahren, da war ich schon kurz vor dem A-Examen. Der Richard-Wagner-Verband hatte mir ein Stipendium für drei Vorstellungen in Bayreuth gegeben, 1986. „Tannhäuser“, „Tristan und Isolde“ und „Meistersinger“.

Ein imposanter Anfang. Und das funktionierte offenbar.
Es hat mich immer noch nicht davon überzeugt, dass ich selbst dahingehörte. Ich hörte Matti Salminen als König Marke im zweiten „Tristan“-Akt: Einen Bassisten, der mit so voller Stimme aussang, das hatte ich noch nie live erlebt. Ich war sehr beeindruckt, habe das aber mit mir nicht in Verbindung gebracht.

Dabei waren Sie schon auf dem Weg.
Ja, aber damals noch in der Kirchenmusik. In Konrad Junghänels Cantus Köln war ich als Student der Gründungsbass. Die Oper, das war einfach ein anderes Metier.

Wer hat Sie schließlich überredet, was hat Sie doch noch überzeugt?
Nach dem Kirchenmusikstudium wollte ich eigentlich in die Orgelhochschulklasse und interessierte mich auch für Chorleitung. Ich entschied mich aber, auf der Kantorenstelle zu bleiben, die ich damals schon hatte. Mit dem Gesang machte ich weiter, um in Richtung Konzertsänger davon zu profitieren. Dann kam ein Zufall. Nach einem „Saul“, bei dem ich den Samuel sang, empfahl mich jemand zu Bayer Leverkusen, die eine konzertante „Zauberflöte“ aufführen ließen, mit jungen, arrivierten Sängern. Ich sagte: Ich glaube, hier sind Sie falsch, aber sie überredeten mich. Beim Vorsingen hörte ich lauter professionelle Opernsänger um mich herum, während ich da mit meinen Noten stand. Ich hatte noch nie eine Arie auswendig gesungen. Aber ich wurde für den Sarastro besetzt. Das wiederum hörte der damalige Intendant vom Aalto Theater in Essen, Manfred Schnabel, der mir ein Telegramm schickte: Bitte melden, habe Sie gehört. Ich rief an und erklärte wieder: Sie sind an der falschen Adresse, ich bin Kirchenmusiker und singe nebenbei. Herr Schnabel und mein Lehrer Claudio Nicolai haben dann eine Weile an mir gearbeitet. Schließlich sagte ich: Ich mache das Vorsingen, danach ist das Thema endlich gestorben. So war es dann nicht.

Wie alt sind Sie damals gewesen?
Als ich am Aalto Theater ins Engagement kam, war ich 27.

Ist das für einen Bass jung?
Die meisten fangen schon etwas früher an. Fortgeschritten war mein Alter dafür, dass ich keinerlei Bühnenerfahrung hatte.

Ist Ihr Schicksal typisch, weil ein Bass mehr Natur als Technik ist? Man hat die Tiefe oder man hat sie nicht?
Man muss die Veranlagung haben, das stimmt. In die Tiefe können Sie wenig erarbeiten, in die Höhe aber schon. Ich habe mich immer bemüht, meiner Stimme zu folgen, sie nicht irgendwo hin zu trainieren, sondern die Stimme behutsam wachsen zu lassen. Auch mein Lehrer sagte immer: Sing mit deiner Stimme. Das war mein Wegbegleiter.

Warum hat man bei Ihnen so glasklar den Opernbass erkannt?
Sicher lag es an der Tiefe, es gab und gibt wenige so tiefe Bässe. Und man hört eben auch, ob da qualitatives Potenzial ist. Gerade in der Barockmusik habe ich immer versucht, mich zurückzuhalten. Aber schon als 17-Jähriger habe ich im Kirchenchor in Schütz’ „Weihnachtshistorie“ den Herodes gesungen. Die Stimme hatte sehr früh die ausreichende Größe dafür.

Sie hatten auch einen frühen Stimmbruch.
Ja, ich konnte als 13-Jähriger ein großes C singen.

Die Ausbildung zum Opernsänger haben Sie übersprungen. Wie wurden Sie damit fertig, nun auf der Bühne zu stehen? Kirchenmusik ist ja antiperformativ.
Das war schon mehr als eine große Herausforderung, das war eine Nervensache für mich. Meinen ersten Opernauftritt hatte ich als König in „Aida“, Dietrich Hilsdorfs Inszenierung, die in Essen später legendär wurde. Ich sang gleich in der Premiere. Beim Triumphmarsch im zweiten Akt stand ich alleine im Publikum im ersten Rang. Und bevor ich anfange – „Salvator della patria, io ti saluto“ –, gibt es eine Generalpause nach einem Fortissimo mit Chor und Orchester. In diese Pause hinein begann ein gewaltiger Buhsturm des Publikums, und ich armer kleiner Kirchenmusiker stand da und meine Kniescheiben flatterten, ich summte immer das Es vor mich hin, um den Ton nicht zu verlieren, und dachte: Was mach’ ich hier?

Und?
Da gab’s dann nur: runterspringen oder weitermachen. Und ich habe mich für Weitermachen entschieden. Die nächste Partie war der Herr Reich in den „Lustigen Weibern von Windsor“. Ich hatte überhaupt keine Ahnung, wie man Dialogtexte spricht, und bat den Regisseur, das mit mir zu üben. So kam allmählich eins zum anderen, und es wurde langsam zur Freude und zur Lust.

Haben Sie es bedauert, als tiefer Bass nie der junge Liebhaber sein zu können?
Da kann ich gut mit leben, glauben Sie mir, da kann ich sehr gut mit leben.

Ein Bass hat eher die Aufgabe, väterlich in der Ecke zu stehen, das kann auch angenehm sein.
Ja, das stimmt. Aber ich singe und spiele auch gerne den Osmin.

In Mozarts „Entführung aus dem Serail“, eine der Rollen, zu denen Sie immer wieder zurückkehren. Sie haben ein ziemlich stabiles Repertoire.
Hier in Frankfurt ist der Padre Guardian ja einmal wieder ein Rollendebüt. Ich habe auch sehr lange keinen Verdi gesungen, das letzte Mal dürfte der Fiesco im „Simon Boccanegra“ an der Opéra Bastille gewesen sein, einige Jahre her. Insofern freue ich mich sehr darauf. Ansonsten wird man im Opernbetrieb und vielleicht erst recht in einem extremeren Fach immer wieder für sein Standardrepertoire angefragt.

Wer den Gurnemanz singen kann, muss sich um sein Auskommen keine Sorgen machen.
Das wollen wir hoffen. Aber klar, das ist eine der immer wieder angefragten Partien. Ich bin auch eher jemand, der sich da bewahren will, was er kann. Wenn sich das Repertoire allmählich erweitert, man Verdi und Wagner singt, wird es immer schwieriger beim Sarastro noch den Mozart-Ton zu finden. Darum bestreite ich bis heute wenigstens ab und zu Liederabende, mit Gerold Huber zusammen. Ich merke, dass mir das gut tut, dass es mir hilft, eine Feinheit und Kultiviertheit der Stimme zu bewahren.

Für viele ist Wagner darum der Abschied von bestimmten anderen Rollen.
Bei mir kommt dazu, dass meine Stimme eine gewisse Weichheit hat. Ich habe halt nicht dieses Wahnsinnsmetall. Einen Hunding singe ich, das ist eine kurze Partie, aber einen Hagen singe ich nicht. Dafür müsste ich anderes aufgeben. Mein Regularium war immer: Ich muss in einem Mozart-Requiem noch ein „Recordare“ vernünftig singen können.

Könnten Sie einen Wotan singen?
Nein, glaube ich nicht. Man singt zu Hause natürlich mal ein bisschen dran rum. Aber insgesamt und über einen ganzen Abend gesehen ist mir die Tessitura einfach einen Tick zu hoch. So ist es halt. Ich kann auch keinen Elias singen, was mir fast noch mehr Schmerz bereitet. Aber ich bin zufrieden. Ich bewahre mir lieber das, was ich gut kann, als alles Mögliche auszuprobieren und dann Probleme zu bekommen.

Tatsächlich ist Ihr Standardrepertoire überschaubar. Immer wieder Osmin, Rocco ...
... Gurnemanz, Marke ...

Und das fünfte war, genau, Sarastro.
Und der Seneca in der „Poppea“, alles Partien, die einem seriösen Bass liegen.

Der Gurnemanz im „Parsifal“ wird die anstrengendste darunter sein.
Auf jeden Fall, allein wegen der Länge.

Können Sie beschreiben, wie Sie das angehen? Wie Sie den Tag verbringen, und den zweiten Akt, in dem Sie nicht auftreten?
Den Tag verbringe ich ziemlich normal. Ich gehe gerne spazieren. Im zweiten Akt gehöre ich nicht zu den Kollegen, die sich in der Zeit mit anderen Partien beschäftigen. Ich kann das nicht, selbst wenn ich eine Partie hundertmal gesungen habe. Ich bin entweder auf der Seitenbühne, schaue ein bisschen zu, oder laufe ein wenig durchs Haus, auch um den Kreislauf lebendig zu halten. Basspartien sind sonst nicht so abendfüllend. Mein Körper sagt nach dem ersten Akt: So, Arbeit getan. Da hat der Bassist mehr gesungen als sonst an einem Abend.

Haben Sie Lampenfieber?
Ja, natürlich. Das wird nie weggehen, glaube ich.

Schauen Sie vorab darauf, wer Regie führt?
Oft ist das noch unsicher, wenn die Sänger ihre Verträge bekommen. Aber es ist mir, toi toi toi, bis heute noch nie passiert, dass ich eine Inszenierung erwischt habe, mit der ich überhaupt nichts anfangen konnte. Wenn ich mit Kollegen telefoniere, erzählen die mir manchmal von Produktionen, bei denen es fürchterlich zugehe. Aber man ziehe es eben irgendwie durch, sagen sie dann. Einmal hatte ich Angst, das war ein „Fidelio“ in München vor Jahren. Calixto Bieito führte Regie. Als ich das hörte, erschrak ich schon, und Kollegen stichelten: Da wirste was erleben. Vierzehn Tage vor Probenbeginn hatte ich einen Alptraum von einer furchtbaren Hauptprobe, von der ich dann einfach wegging.

Ein echter Alptraum, nachts.
Genau. Und es wurde eine tolle Produktion, ich liebe sie bis heute, die beste „Fidelio“-Inszenierung, die ich bisher gemacht habe.

Jetzt also Verdi in Frankfurt. Sängerisch ein entspannender Abend für Sie?
Mal sehen, wie entspannt es wird. Es ist eine ganz neue Partie für mich, das ist immer eine Herausforderung.

Was ist das Besondere oder Schwierige am Verdi-Singen?
Vielleicht dieses Auf-der-Linie-Singen, was ich zwar beim Gurnemanz im Grunde genommen genauso versuche, aber da eben in der deutschen Sprache. Trotzdem ist das gar nicht so weit voneinander entfernt. Man sollte womöglich häufiger mit einer italienischen Gesangsweise auch an Wagner gehen.

Wenn die Proben anfangen, haben Sie dann schon szenische Vorstellungen oder lassen Sie sich völlig von der Regie tragen?
Ich lasse mich überraschen, würde ich sagen, und versuche dann, mich je nachdem einzubringen. Mit Tobias Kratzer war es sehr einfach, weil er absolut klare Vorstellungen hat, sie sehr gut vermitteln kann und überhaupt alles ausgezeichnet vorbereitet ist.

Sie sind Mitte fünfzig. Wie lange kann man als Bass froh und gut singen? Ihr kürzlich verstorbener Bassbariton-Kollege Theo Adam stand mit 80 zum letzten Mal auf der Bühne.
Ich dachte mir schon, dass diese Frage kommen würde. Auf dem Weg hierher dachte ich darüber nach, und mir wurde klar, dass ich sicher nicht derjenige bin, der mit 80 noch auf der Bühne stehen muss. Ich freue mich, dass meine Stimme noch gesund ist und es hoffentlich auch noch zehn Jahre oder länger bleibt. Ein Vorteil des Bassisten.

Für typische Bassrollen ist Alter kein Nachteil.
Wie froh bin ich, dass ich kein Kavaliersbariton oder lyrischer Sopran bin. Auch durch den großen Einfluss der Regisseure hat das Optische ein zu starkes Gewicht bekommen, würde ich sagen. Wie im Schauspiel können Figuren nur noch so besetzt werden, wie sie auch im Stück aussehen. Für die Musik ist das ein Problem. Da wünsche ich mir manchmal, dass Dirigenten mehr Einfluss nehmen.

Sind Sie inzwischen zum Operngänger geworden?
Ich bleibe lieber auf der anderen Seite. Ich habe selbstverständlich angefangen, mir mehr Inszenierungen anzuschauen, aber es hat mich früher wahnsinnig nervös gemacht zu sehen, was man da sonst so treibt. An den Orten, an denen ich arbeite, gehe ich auch mal in eine Vorstellung. Während ich hier in Frankfurt im „Parsifal“ sang, war ich in der „Passagierin“, eine der großartigsten Aufführungen, die ich je erlebt habe. Diesmal habe ich leider noch nichts gesehen. „Rinaldo“ soll ja grandios gewesen sein. Aber ich muss zugeben, wenn ich jetzt mal zwei Tage frei habe, fahre ich auch gerne nach Hause. Die Gelegenheit habe ich sonst nicht oft.

Zur Person

Franz-Josef Selig, 1962 in Mayen geboren, hat in Köln Kirchenmusik mit dem Schwerpunkt Orgel studiert und wurde 1989 in der Anfangsphase eines zögerlich aufgenommenen Gesangsstudiums als Bassist am Aalto Theater in Essen engagiert. Seit 1995 arbeitet er freischaffend und hat schnell eine internationale Karriere gemacht. Als seriöser (sehr tiefer, pastoser) Bass singt er die entsprechenden Wagner-Partien, Gurnemanz im „Parsifal“ (2015 in Frankfurt zu erleben) und Marke in „Tristan und Isolde“, nach wie vor aber auch Sarastro („Zauberflöte“), Rocco („Fidelio“) oder Osmin („Entführung aus dem Serail“). 2012 debütierte er bei den Bayreuther Festspielen als Daland im „Holländer“.

An der Oper Frankfurt gibt er jetzt in Giuseppe Verdis „La forza del destino“ sein Rollendebüt als strenger, aber gütiger Padre Guardiano und singt außerdem den strengen und etwas weniger gütigen Herzog Calatrava, der bereits im ersten Akt durch einen versehentlich sich lösenden Schuss zu Tode kommt. Regie führt – wie schon in „L’ Africaine“ 2018 – Tobias Kratzer, bevor er im Sommer mit „Tannhäuser“ in Bayreuth debütiert. Jader Bignamini dirigiert, zu hören sind unter anderem auch der Bariton Christopher Maltman und, erstmals in Frankfurt, die Sopranistin Michelle Bradley und der Tenor Hovhannes Ayvyazan. Premiere ist am Sonntag um 18 Uhr. www.oper-frankfurt.de

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