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„Die lustige Witwe“ in Wiesbaden: Kommt ihr Ballsirenen

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Von: Bernhard Uske

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Beim Beäugen: Danilo und Hanna, Thomas Blondelle und Elissa Huber.
Beim Beäugen: Danilo und Hanna, Thomas Blondelle und Elissa Huber. © Karl und Monika Forster

„Die lustige Witwe“ als reines Vergnügen am Staatstheater Wiesbaden

Kaum war der Vorhang im Großen Haus des Staatstheaters Wiesbaden geöffnet, die in schönster Empfangsgarderobe im Saal der Pontevedrinischen Botschaft zu Paris sich bewegende Gesellschaft gemustert, das erste Duett von Valencienne und Camille gesungen und der leichte und wunderbar biegsame Klang aus dem Orchestergraben wahrgenommen, war klar: In dieser Inszenierung der „Lustigen Witwe“ würde man weder durch konstruierte Spaßbremsen noch belehrende Interventionen am Genuss des 1905 von Franz Lehár in die Welt gesetzten Werks gehindert werden. Der Hausherr selber inszenierte, Intendant Uwe Eric Laufenberg, der sich zwar, wie das Programmheft zeigte, Gedanken zu diesem Prototyp der neuen Operette gemacht hat, aber den Satz Danilos, des fehldeutenden Liebhabers der lustigen Witwe wohl beherzigte: „Die Akten häufen sich bei mir, / Ich find’s gibt zu viel Papier.“

Jedenfalls entstand frühzeitig Begeisterung im Publikum, die sich bis zum Finale frenetisch steigerte. Man hatte eigentlich alles so gelassen, wie es ist: das quid pro quo der ewigen Geschlechtermissverständnisse, -konkurrenzen und -sehnsüchte bedarf nur einer sensiblen Fassung. Attraktion und Adhäsion – das sind Stichworte, die diesen strahlenden Abend beschreiben könnten. Eleganz und Mondänität kämen noch dazu. Meist Fremdwörter im deutschen Betrieb der darstellenden Künste, hier aber zweieinhalb Stunden währendes Ereignis aus tänzerischer Bewegung in strukturiertem Raum, schönstem Licht und feinem Farbklima. So konnte sich die auf unmittelbare Wirkung zielende akustische Materialisation perfekt ausbreiten.

Gespielt wurde in einem ein wenig nach heroischer und industrieller Moderne aussehendem Raum. Ein Betonstrebengerüst, das teils mit heimatkunstartigen Fresken bemalt, andererseits mit den typischen Hinweisschildern im amtlichen Publikumsverkehr ausgestattet war (Bühne: Julius Theodor Semmelmann). Ein schönes Environment, das die Situation von Operette in der verwalteten Welt des 20. Jahrhunderts dezent und doch nachdrücklich markierte. Die Kostümierung war klassische, große Abendgarderobe (Kostüme: Jessica Karge) in feiner Belichtung (Licht: Marcel Hahn), was eine Hoppersche Bildwirkung hatte. Später, im Maxim-Akt, kamen kesse, hautenge Grisetten-Textilien ins Spiel. Die lustige Witwe, zunächst in einer Art schwarz-weißem Frackkostüm, in der Pavillon-Szene in weißer Unterwäsche und schließlich in einer glitzernden Frackhälfte.

Die Bewegungsführung des vielmals tanzenden Chors, der ja einen entscheidenden Anteil an der performativen Kollektivität mit ihrem Übertragungspotential auf das Publikum hat, wurde voll ausgespielt. Operette – eine Massenkunst, die in Wiesbaden ihr Infektionspotential animierend entfaltete. Von beziehungslosen Bildern und Handlungen befreit, konnte sich die Musik in der Synchronizität der walzenden, wiegenden, springenden und statischen Haltungen der Akteure und Akteurinnen vollgültig zeigen.

Das Dirigat war ein Ereignis sondergleichen: was Johannes Klumpp im Staatsorchester an Subtilität, an bewegender Sprachkraft gerade in den leisen und zarten, puccinigleichen Melodiebögen zum Klingen brachte, was die hohen Streicher und die solistischen Celli dabei boten war oberste Klasse. Oft mit den Lichtpünktchen des zauberhaften Harfenglitzerns. Die meist jungen Solo-Stimmen mussten da mithalten können. Und ihre helle und leichte Diktion passte gut zum orchestralen Feinsinn. Eine schnell reagierende, bestens beherrschte Stimme hatte Elissa Huber als lustige Witwe, Thomas Blondelles Graf Danilo setzte seine schöne und etwas brüchige Stimme affektiv ein. Das illegitime Pärchen Valencienne-Camille von Elisabeth Breuer und Ioan Hotea bot reizenden Zwiegesang. Tadellos alle anderen Vokal-Rollen. Trefflich die witzige Sprecherrolle des Sekretärs von Hans-Joachim Heist. Der Chor in Gesang und Tanz: blendend.

Staatstheater Wiesbaden: 8., 10., 16., 18., 21., 25. 31. Dezember. www.staatstheater-wiesbaden.de

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