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In einer anderen Zeit: Michael Volle (mit Anna Gabler) als Hans Sachs in Salzburg.

Oper Wiesbaden

Die Frist ist um

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Michael Volle und Gabriela Scherer probieren in Wiesbaden aus, wie viel Oper im Augenblick möglich ist.

Wie viel Oper möglich ist, ohne den dafür erforderlichen Apparat direkt zum Einsatz zu bringen, probierte das Staatstheater Wiesbaden jetzt mit Richard Wagners „Fliegendem Holländer“, Richard Strauss’ „Arabella“, dem Bariton Michael Volle, der Sopranistin Gabriela Scherer und der Pianistin Julia Okruashvili aus.

Der Apparat als Echo aber immer dabei: Indem die „Holländer“-Ouvertüre in Orchesterbesetzung eingespielt wurde, es auf dem roten Vorhang dazu wässrig waberte und ein bläulicher Meereswiderschein an der prächtigen Theaterdecke strahlte. Indem sich dann der Vorhang für das Segelschiff aus Michiel Dijkemas immergrüner Inszenierung von 2013 öffnete und die blutroten Segel ungeheure Wirkung erzielten, wenn man sich dergleichen über sechs Wochen in Fernseher-Größe angeguckt hat. Indem Volle, im dezent historisierenden Konzertanzug und zur Klavierbegleitung – Okruashvili mit aller erforderlichen Verve und Flexibilität –, keinen Zweifel daran ließ, dass er wahrhaftig der Holländer war. „Die Frist ist um, und abermals verstrichen sind sieben Jahr“, stellte er lakonisch fest (einmal eine wirklich gewitzte Anspielung auf das verfluchterweise unterbrochene Operngeschehen). So sang er nuanciert und dabei vollständig raumgreifend und verschwand im Anschluss würdevoll in der Takelage, obwohl er dafür eine übermenschlich hohe Stufe überwinden musste. Denn Improvisation gehörte dazu.

Defensive, Offensive

Senta sang jetzt in Samtschwarz und vor den erblassten Segeln ihre Ballade, Scherer hier doch noch ziemlich am Anfang ihres Wechsels ins dramatische Sopranfach, vorsichtig ansetzend und schön, aber defensiver, als es einer inspirierten Extremistin ansteht. Auch als Arabella hat sie erst kürzlich debütiert. Hierfür war nach der Pause das ausladende Sitzmöbel nebst geschwungener Riesentreppe aus dem Bühnenbild Gisbert Jäckels für die Inszenierung von Intendant Uwe Eric Laufenberg zu sehen.

Volle war ein erfrischend komödiantischer Mandryka, der sichtbar, aber nicht lächerlich machte, wie nah Liebe und Verblödung beieinanderliegen. Dass er auch hier die Szene beherrschte, während er einen in den Grundfesten seiner Existenz verunsicherten Menschen spielte, hatte seine Reize. Im Leiden quicklebendig zu sein, zur Klaviermusik – einer zur Aufführung gebrachten Probensituation also – beharrlich große Oper zu gesellen: Er machte vor, wie das geht, aber auch, wie viel Künstlerpersönlichkeit dafür erforderlich ist.

Die Auswahl gab dem Ehepaar Volle/Scherer, das auf Abstandsregeln keine Rücksicht nehmen musste und das weidlich nutzte, Gelegenheit, insgesamt dreimal sozusagen gemeinsam in den Sonnenuntergang zu schreiten: Der Erlösung entgegen, einem Familienglück in der Walachei sowie einer weit verlockenderen modernen Ehe in Paris, denn die Zugabe war das Duett „Lippen schweigen“ aus der „Lustigen Witwe“. Interessant, dass „Arabella“ mehr unter dem fehlenden Orchester litt und dadurch kärglicher wurde als der „Holländer“: Ein Punkt für Straussens Instrumentalisierungsgenie.

Wieder war der Jubel groß, wieder war das Große Haus noch weniger gefüllt, als es erforderlich gewesen wäre. Auch für den zweiten Termin gab es am Donnerstag noch etliche Karten.

Staatstheater Wiesbaden: 23. Mai. www.staatstheater-wiesbaden.de

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