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Miles und die Gouvernante, Sarah Brady, in Hannover. Foto: Sandra Thien
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Miles und die Gouvernante, Sarah Brady, in Hannover.

Oper Mannheim/Oper Hannover

Opern-Streams: So wird es dann nicht mehr sein - das Streaming wird selbstständig

  • Judith von Sternburg
    VonJudith von Sternburg
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Das Streaming wird allmählich selbstständig, wie große Oper aus Hannover und Mannheim dokumentiert.

Mannheim - Heute: Zwei mitgefilmte Opernpremieren, die bestimmt und erst recht auf der Bühne Wirkung entfalten werden, aber eine ganz andere. Vom Nationaltheater Mannheim kommt Jean-Philippe Rameaus „Hippolyte et Aricie“ (1733), von der Staatsoper Hannover Benjamin Brittens „The Turn of the Screw“ (1954). Phèdre liebt ihren Stiefsohn Hippolyte, göttliches Eingreifen in letzter Minute (eigentlich nach letzter Minute, aber das ist einer der gewiss zahlreichen Vorteile, die es mit sich bringt, ein Gott zu sein) bringt das demografisch und moralisch korrekte Paar zusammen, Hippolyte und Aricie. Der Gouvernante hingegen gelingt es nicht, ihren Schützling Miles den impertinenten Nachstellungen zweier Gespenster zu entziehen, deren Motive im Dunkeln liegen. Zwei schaurige Geschichten über das fehlgeleitete Begehren und dessen Zerstörungskraft.

Mannheim: Lorenzo Fioroni in die optische Offensive: eine 3D-Aufführung wird angeboten

In Mannheim geht Regisseur Lorenzo Fioroni in die optische Offensive. Auf dem flachen Bildschirm wird eine 3D-Aufführung angeboten, indem Chor und Statisterie auch den Zuschauerraum voll mitnutzen. Die Unruhe im Saal imitiert eine Barockaufführung, überhaupt eine Opernaufführung, wenn nach den traurigsten, innigsten Arien – und musikalisch bietet der 50-jährige Rameau in seinem Operndebüt imposant modern wirkende Schattierungen des Leids – der Applaus einbricht und die Sängerinnen und Sänger sich aufgeschreckt zeigen. Zugleich evoziert Fioroni eine prärevolutionäre Nervosität und Aufmüpfigkeit, in die noch dazu Protestierende des 20. und 21. Jahrhunderts einfallen. Ihnen gehört überhaupt die ganze Anfangssequenz, auch musikalisch („This ist the end“). Schon wird aus der Statisterie heraus gemault und gebuht, endlich setzt Bernhard Forck das exzellente kleine Orchester in Gang, und jetzt läuft es wie am Schnürchen.

Paul Zollers Bühne bietet mit Prospekten und Filmüberblendungen (Video: Christian Weissenberger), Katharina Gault mit Kostümen von heute und einst eine rigorose Reizüberflutung. Groß ist die Bühne, klein ist der einzelne Mensch darauf. Das ist insgesamt ein hemmungsloses Zuviel, das über die von Rameau und dem Ensemble durchaus individuell gestalteten Figuren – darunter Sophie Rennert als hochintensive Phèdre, Nikola Diskic als ihr klassisch zorniger Gatte Theseus, Charles Sy und Amelia Scicolone als ewig und getrennt umherirrendes Titelpaar – und ihre Not weitgehend gleichmütig hinwegrauscht. Aber eben auch so, wie es das Schicksal und die Götter tun. Patrick Zielke vereint diese in seiner opulent präsentierten Person, auch der Sonnenkönig tritt auf, aber den Herrschern entgleitet die Kontrolle. Am Ende fällt die Guillotine.

Oper, Theater und Streaming: Theaterfilm mit einer eigenen Ästhetik, die sich nicht mehr wird wiederholen lassen

So banal und rücksichtslos gegenüber der reifen Handlung das zum Teil erscheint, so sehr zieht es doch barocke Bühnentradition ins Groteske und Heutige. In der patchworkhaften Üppigkeit der Ausstattung – mit feurigen Balletteinlagen, einem Auto, mehr als einem Sturm – spiegeln sich Lust und Irrsinn von großen Opernaufführungen, in denen alles passieren darf, was dem Publikum gefallen könnte. Daraus entsteht ein Theaterfilm mit einer eigenen Ästhetik, die sich nachher nicht mehr wird wiederholen lassen. Angesichts der sängerischen Leistungen wird schon allein der Szenenapplaus echt und echt nervend sein.

Phèdre, Sophie Rennert, in Mannheim.

Auch „The Turn of the Screw“ wird sich im Theater nicht mehr so darstellen wie im Film, aber der Ansatz von Immo Karaman ist ein anderer: streng, durchgefeilt, das Gegenteil der überbordenden Rameau-Oper. Dort die ganze, äußerst konkrete Welt, hier der enge Landhausgrusel in einer abstrakten Kammer, von Thilo Ullrich (Bühne) und Fabian Posca (Kostüme) in Schwarzweiß gehüllt. Dermaßen Schwarzweiß, dass es wie ein Schwarzweißfilm erscheint. Man ist nachher verdutzt, wenn einmal der Dirigierstab von Stephan Zilias ins Bild kommt. So gelblich, sonnig.

Oper und Streaming: Knapp unter der Haut

Hierin wieder einer Barockoper ähnlich, lässt sich „The Turn of the Screw“ ganz unterschiedlich erzählen. Karaman will nicht zu tief eindringen in die seelischen Abgründe. Der Gänsehaut-Effekt, der sich ja selbst an der empfindlichen Oberfläche abspielt – inklusive garstiger Metamorphosen und Thrillerelementen (einer leeren Schaukel, das Kind ist weg, das Kind ist weg) –, ist naturgemäß umso größer. Denn zugleich gelingt es, in der nicht zuletzt todschicken Darbietung menschlich plausible Figuren unter Druck zu zeigen, im Zentrum Sarah Brady als Gouvernante und ein Sängerknabe der Chorakademie Dortmund als prototypisch perfekt singender und genial spielender Miles.

Die Schminke (schwarzweiß) hilft dabei gewiss, nicht allein die Gespenster (mit Sunnyboy Dladla als eher mild- und schönstimmiger und darum umso grausigerer Peter Quint) sind wie in eine mysteriöse andere Welt befördert. Sie irren nicht herum, sie sitzen fest in einem Albtraum. Die Aufnahmequalität ist von vorbildlicher, gläserner Klarheit.

Nationaltheater Mannheim: bis 30. Juni via www.nationaltheater-mannheim.de

Staatsoper Hannover: nächster Stream am 15. Mai, 19.30 Uhr, Tickets via www.staatstheater-hannover.de

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