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Janine Jansen, Violine, und SIr Simon Rattle im Kurhaus Wiesbaden.

ondon Symphony Orchestra

Ein Sir mit markantem Zugriff

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Simon Rattle und das London Symphony Orchestra.

Zum ersten Mal beim Rheingau Musik Festival: Sir Simon Rattle, der mit dem London Symphony Orchestra, dem er seit seinem Ende bei den Berliner Philharmonikern vorsteht, im Wiesbadener Kurhaus auftrat. Der allseits beliebte, interpretatorischer Ausgewogenheit zugetane Musiker scheint in seiner Heimat Schärfen seines Profils entwickelt zu haben. Jedenfalls war der Auftritt im Wiesbadener Kurhaus von markanten dirigentischen Zugriffen gekennzeichnet.

Mit der 88. Sinfonie von Joseph Haydn, die der fernab der musikalischen Hauptgeschäfte auf Schloss Esterhazy Residierende für die Pariser Freimaurerloge „Le Concert de la Loge Olympique“ schrieb, wurde begonnen: in vergleichsweise kleiner Besetzung bei genauer Bemessung der für Haydns rhetorisches Klangkalkül essentiellen Tektonik. Haydnsche Gewitztheit, die gerne mit Humor verwechselt wird, bietet die schönsten Synthesen von konstruktivistischer Tüftelei und involvierender Ablaufsform.

Das machten die Londoner Sinfoniker perfekt, anstrengungslos und mit der gehörigen Turbulenz deutlich. Im Programmheft bescherte Ilona Schneider eine wunderbare Haydn-Trouvaille, die den allen angesagten metropolitanen, netzwerklichen Aktivitäten Entzogenen mit einem aktuellen Befund zeigte: „Ich war von der Welt abgesondert, niemand in meiner Nähe konnte mich an mir selbst irremachen und quälen, und so musste ich original werden.“

Das konzertante Mittelstück des Abends war Felix Mendelssohn Bartholdys Violinkonzert mit Janine Jansen als Solistin. Wieder ein mit aufgewirbeltem Tutti-Forte exponierter Zugriff, der schon auf eine spätromantische Haltung abzuzielen schien. Wunderbar subtil dagegen die Partien um das 2. Hauptsatzthema, die man im Verein mit der hier seraphischen Jansen selten so moduliert erfährt.

Ansonsten war die Solistin in makelloser Disposition im Kontext der Tutti-Solo-Relationen doch manchmal fast ein wenig blass oder tendierte zu einer überbeseelten Bogenführung. Mendelssohn ist eben doch kein Sensibilist, sondern steht bei allem Lyrismus mit beiden Beinen auf dem Boden. Begeisterung beim Publikum, das eine Bartók-Zugabe, die im Verein mit dem Gast-Konzertmeister Giovanni Guzzo absolviert wurde, herausklatschen konnte.

Zuletzt Sergej Rachmaninows 2. Sinfonie – jener großmächtige Klangprozess aus kleiner Intervall-Konstellation, der von seiner moribunden Ausgangslage bis zum animierten Aktivismus sich ständig weiter antreibt. Rattle hielt die delta-artige Faktur in allen Sätzen zielgenau, straffte und ließ das Schwimmende und Wuchernde der weiträumigen Bewegungszüge in starker Beleuchtung erscheinen: Ausdrucksmutationen, für die seine Musiker den passenden Treibsatz darstellten.

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