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Auf dem Foto allein, im Konzert aber Primus inter pares: Martin Grubinger.

Alte Oper Frankfurt

Martin Grubinger: Olympioniken in der Alten Oper

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Der fabelhafte Martin Grubinger und das „Percussive Planet Ensemble“ mit einem Programm, das sitzt.

Die Basis von allem ist der Puls, der Schlag des Herzens, die Repetition in den Adern, die Wiederholung am gestirnten Firmament, bei den Jahreszeiten, bei Ebbe und Flut: alles in Repetition. Am tiefsten mit dieser vitalen Tatsache ist die Instrumentenfamilie des Schlagzeugs verbunden, was in der Präsenz meist nur vereinzelt im Orchester fungierender Mitglieder oft verkannt wird. Und wo, wie es seit Jahren Martin Grubinger, ein Meister seines Fachs tut, als Solist in Konzerten für Schlagzeug und Orchester auftritt, wirkt das häufig nur wie ein zirzensischer Leistungssport.

Wenn, wie jetzt beim Auftritt Grubingers mit dem „Percussive Planet Ensemble“ aber gleich acht Schlagwerker im Verein mit sieben weiteren solistischen Instrumentalisten in der Alten Oper Frankfurt einen zweieinhalbstündigen, pausenlosen Auftritt absolvieren, wird die Kraft dieser basalen Motorik in ihrer vegetativen und zugleich ästhetischen Relevanz unmittelbar spürbar. Grubinger, der 35-jährige Virtuose aus Oberösterreich, war in dieser Saison Artist in Residence bei Pro Arte und bescherte zum Abschluss seiner Verpflichtung dem Publikum im Großen Saal eine Lektion in Klang-Anthropologie, die, wenn man der Begeisterung glauben darf, gesessen hat.

Selbst der größte Verächter von libidinösem Lärm und schusspräziser Schlagwerk-Brillanz musste angesichts der artistischen Verausgabung, des energetischen Leistungstheaters von biegsamen, durchpulsten Körpern beeindruckt, wenn nicht hingerissen sein. Das Podium mit seinem gänzlich abgedunkelten Auditorium war ein klingendes Marathon, ein Stadion olympischer Verschwendung von Opfer-Kraft. Feier der Exzessivität, die selbst bei den gewagtesten Verläufen im Verein mit blitzschnellen Umschwüngen cerebraler Kompetenz standen.

Martin Grubinger, im Kontext von gleichbefähigten Könnern samt seinem die Orchesterleitung innehabenden Vaters, war hier nicht der Exot des Klassikbetriebs sondern ein Primus inter pares von Klangzeugern an der Front der archaischen Aktualität senso-motorischer Nerven- und Muskelkunst.

Das Herz schlägt höher

Man hatte eine Art roten Faden geknüpft: von den schamanistischen Anfängen über diverse kulturdifferente Gestaltungsweisen bis herauf zur Minimal Music und anderen zeitgenössischen Formaten dieser Klang-Körper-Arbeit. Überflüssig waren da die teils phosphoreszierenden Schlegel: das neo-schamanistische Ballett entsteht in der Verausgabung ja wie von selbst. Der Schlagwerker – das Urbild des seine klingende Opfergabe bringenden Künstlers, der das Unerreichbare für alle herabzwingt, das Herz höher schlagen und die Hände lauter klatschen lässt.

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