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Olivia Newton-John ist tot – Viel mehr als eine Disco-Königin

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Von: Harry Nutt

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Olivia Newton-John und John Travolta in „Grease“.
Olivia Newton-John und John Travolta in „Grease“. © dpa

Zum Tod der Sängerin und Schauspielerin Olivia Newton-John, die im Alter von 73 Jahren ihrer Krebserkrankung erlag.

Mit ihrem musikalischen Durchbruch war Olivia Newton-John 1971 zugleich eine Art popkulturelle Transformation gelungen. Aus dem bereits in den frühen siebziger Jahren sehr umfangreichen Werkkosmos Bob Dylans hatte sie „If Not For You“ von dessen Album „New Morning“ herausgezogen, einem selbst von Fans als eher trivial erachteten Nebenwerk, einen „Lovesong“. Hierzulande hätte man es wohl als Schlager bezeichnet, der später aber auch von George Harrison, Richie Havens, Rod Stewart und Bryan Ferry gecovert wurde. Sie alle dürften dabei die Version von Olivia Newton-John im Ohr gehabt haben.

Bemerkenswert war „If Not For You“ aber vor allem deshalb, weil Olivia Newton-John mit diesem Lied mühelos die Grenzen zwischen lieblichem Pop, avantgardistischem Anspruch und dem lange als konservativ geschmähten Country-Milieu überschritt. Ein gutes Beispiel dafür ist das traditionelle Stück „Banks Of Ohio“, das von ihr als Hit wiederbelebt wurde und dazu führte, dass sie sich kurz danach an John Denvers Evergreen „Take Me Home, Country Roads“ versuchte. Eine von ihr akzentfrei gesungene deutsche Version von „Banks Of Ohio“ schaffte es auch in die hiesigen Charts, was ihr Auftritte in Ilja Richters Sendung „Disco“ und Manfred Sexauers „Musikladen“ einbrachte. Newton-Johns jugendlich-mädchenhafte Ausstrahlung verband sich dabei mit einem balladesken Stil, der in den frühen siebziger Jahren während einer intensiven Phase der Ausdifferenzierung der Pop-Stile stark nachgefragt war.

Die 1948 im englischen Cambridge geborene Lehrerstochter stammt aus einer berühmten Familie, ihre Mutter war eine Tochter des deutschen Quantenphysikers Max Born, der 1954 mit dem Nobelpreis für Physik ausgezeichnet worden war. Als Olivia fünf Jahre alt war, zog die Familie nach Australien, wo sie bereits im Alter von zwölf Jahren mit ihren Talenten als Sängerin aufgefallen war, ihre erste Single erschien bereits 1966 bei dem Label Decca, das auch die Rolling Stones unter Vertrag hatte. Mit 17 reüssierte sie in einigen Filmrollen, die allerdings noch nicht darauf hinwiesen, dass sie ein paar Jahre später zur Disco-Königin in dem Film „Grease“ an der Seite von John Travolta aufsteigen würde. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie stattliche Charterfolge mit „I Honestly Love You“, „Please, Mr. Please“ und „Let Me Know, If You Love Me“ sowie einige Grammy-Auszeichnungen bereits hinter sich.

Bald der Kurzhaarschnitt

Mit „Grease“ aber vollzog sie auch äußerlich einen Imagewechsel, von dem Mädchen-vom-Lande-Typus, den sie noch zu den Auftritten von „If Not For You“ verkörperte, war kaum noch etwas übrig geblieben. Olivia Newton-John war sichtlich reifer geworden, die modegerechte Big-Hair-Frisur tat ein Übriges, die bald aber von einem fesch-punkigen Kurzhaarschnitt abgelöst wurde. Ein wenig Spott blieb dabei nicht aus, am sympathischsten in der deutschen Version des Grease-Hits „You’re The One That I Want“ durch Helga Feddersen und Didi Hallervorden als Parodie „Die Wanne ist voll“.

In den frühen achtziger Jahren gelang Olivia Newton-John zwischen Rock und seichtem Pop beinahe alles, neben Andy Gibb, dem vierten Bruder von den Bee Gees, war sie ebenso eine attraktive Duett-Partnerin wie für Cliff Richard. Ein typischer Achtziger- Jahre-Hit wurde „Xanadu“, den sie mit dem Electric Light Orchestra als Titelsong für ein weiteres Musical einspielte.

Als im Jahr 1992 bei ihr Brustkrebs diagnostiziert wurde, trug Olivia Newton-John dies in die Öffentlichkeit, und sie erhielt nach einer Brustamputation großen Zuspruch für ihre Bemerkung, dass sie als Frau nicht die Summe ihrer Brüste sei. Ihr Hit „Physical“, mit dem sie endgültig den Wandel zu einer selbstbewussten und auch politisch engagierten Sängerin vollzogen hatte, nahm nun eine ganz andere Bedeutung an.

Im Jahr 2017 jedoch war die Krebserkrankung zurück. Nach zahlreichen Therapien und einer auch öffentlich ausgetragenen Gegenwehr ist Olivia Newton-John am Montag im Alter von 73 Jahren in Santa Ynez Valley in Kalifornien gestorben.

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