Bass spielen: geht.
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Bass spielen: geht.

Musikmesse

Older people play guitar

  • Thomas Stillbauer
    vonThomas Stillbauer
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Eindrücke von der Frankfurter Musik- und Eventtechnikmesse, die diesmal eine Gitarrensauna bietet und die toten Stars weitgehend ignoriert.

Andere Länder, andere Begrüßungsrituale. „CAN I HELP YOU!“, brüllt die Mitarbeiterin am Stand der chinesischen Leuchtdingsbumsfirma Gloshine den Besucher an. Der arglose Mensch fährt erschrocken zusammen. „So, welche Art Business suchen Sie!“, militärtönt die Frau auf Englisch weiter. „So, welche Art Business ist Ihr Business!“

Man kann was erleben dieser Tage auf dem Frankfurter Messegelände. Eine kleine Armee aus uniformierten Hostessen umstellt den Gloshine-Stand in Halle 4.0, erleuchtet von gigantischen LED-Wänden mit unglaublich scharfen Bildern. So geht es schier endlos weiter – kaum eine Firma, die nicht ein Monument aus Licht errichtet hätte. Was da an Energie rausgeht: die Messepressestelle kann es auf die Schnelle nicht in Erfahrung bringen. Bei Panasonic kreuzen animierte Fische über die Wand, gefolgt von schwebenden kleinen Köchinnen hinter dem Gartenzaun zum Paradies. Oder zum Schlaraffenland. „Darf ich Sie bei uns einchecken?“, fragt eine Panasonic-Frau. Wozu? „Sie können dann unseren Produkt-Newsletter erhalten.“ Nun, nein.

Früher, wenn Musikmesse war, zogen coole Typen mit langen Haaren durch diese Zone, Gitarrenplektren in den Hosentaschen, um Saiteninstrumente anzutesten. Jetzt blinkt und glitzert hier alles. Die Prolight+Sound, große Schau der Veranstaltungstechnik, ist der traditionellen Musikmesse über den Kopf gewachsen und hat sie in den hinteren Teil des Messegeländes verdrängt.

Dort, in Halle 11, sitzt Bruce Gaitsch auf einem kleinen Podest und spielt leise auf seiner 1975er Schecter Stratocaster. Normalerweise schließt er sie an einen Fender-Verstärker aus dem Jahr 1958 an; hier auf der Messe hat er Nachbauten, die so aussehen, als wären sie alt. Loslegen kann er momentan noch nicht – sein Pedalboard mit den Effektgeräten muss irgendwo auf der Strecke geblieben sein. Gerd Essl ist auf der Suche danach, der Organisator des Drum- und Guitar-Camps. „Nein“, ruft er ins Telefon, „da sind keine Flaschen drin in der Kiste – da steht nur Wine drauf.“ Gaitsch lacht. Er hat Zeit. „Das ist Musikmesse“, sagt er. „Sitting around, watching girls on ladders.“ Gegenüber steht eine Frau in Jeans auf einer Leiter und bastelt am Ibanez-Stand.

In Halle 8.1, Konferenzraum 4, ist Tischtrommelkonferenz. „Die Teilnehmer erhalten ein tieferes Verständnis des sozialen Miteinanders, gehen in den Austausch über erlebte Dialogformen und deren Anwendung im therapeutischen Setting“, verspricht die Deutsche Musiktherapeutische Gesellschaft. Dann natürlich nichts wie hin. Aber wie kommt man aus Halle 8.0 hinauf in Halle 8.1? Nirgends eine Treppe.

Es ist so schön im Parterre der Halle 8. Wundervolle Instrumente, Gitarren mit Resonanzkörper, grandiose Klänge. Draußen in der Galleria, auf der Acoustic Stage – immer wieder ein rührender Name: Akustik-Bühne, als ob es auf irgendeiner anderen Bühne der Musikmesse um etwas ginge, bei dem die Akustik nicht im Mittelpunkt stünde – auf dieser Bühne sitzt Thomas Zwijsen und spielt „Highway Star“ von Deep Purple auf der Nylonsaitengitarre. Mit allen Gesangs- und Solomelodien. Genial. Man bliebe den ganzen Tag sitzen und lauschte hm, müsste man nicht schleunigst zur Tischtrommelkonferenz. Aber ohne Treppe keine Trommel.

Dieser Messespaziergang sollte sich eigentlich den toten Stars widmen, den 2016 und 2017 allzu zahlreich verstorbenen Musikern und ihren Erscheinungsformen auf der Messe (z.B. Erinnerungsfoto am Stand ihres Ausrüsters, Signaturmodell ihrer Lieblingsgitarre oder gern auch als Geist). Das dürfte jedoch schwierig werden, wie sich immer deutlicher herauskristallisiert. Überall Lebendige. Gut, Chris Coleman, der Gigant am Sonor-Schlagzeugstand, war der Drummer von Prince. Daran erinnert allerdings nichts. Bruce Gaitsch, der die Girls auf den Leitern beobachtet, hat an Leonard Cohens letztem Album mitgearbeitet. Immerhin.

Wäre Uwe-Karsten Koch hier, der könnte was erzählen. Der holte, wie er dem FR-Messeteam exklusiv berichtet, Chuck Berry zum letzten Frankfurter Gig in die Alte Oper, 2005. Die Schrullen des jüngst verstorbenen Rock’n’Roll-Großvaters, seine strikte Bedingung, den Mietwagen selbst zum Auftrittsort zu steuern, auch mit über achtzig Jahren noch, seine Sonderwünsche an die Begleitband. 1700 Konzerte promotete Koch in 27 Jahren für die Alte Oper. „Aber Chuck war eines der größten Erlebnisse. Wir haben uns so gut verstanden.“ Auf der Messe ist nicht einmal das Gitarrenmodell zugegen, das Berry spielte, die Gibson ES-355. Ein paar Gibson-Gitarren sind da, ein paar Fender, aber nur im Music-Store, mit riesigen Preisschildern. Ein Abklatsch der stolzen großen Stände der stolzen großen Hersteller aus früheren Jahren.

Zu spät bei der Tischtrommelkonferenz. Peinlich. Aber die anderen Konferenzteilnehmer machen freundlich Platz, während Vortrommlerin Daniela die Runde ermuntert: „Ruhig mal anfassen!“ Alle stehen um eine große Trommel. Dann hauen alle zusammen einen Rhythmus, worauf ein Dialog aus Spontanbeiträgen an Trommelfell folgt. So manche erfährt sich dabei von der ersten Sekunde an selbst und geht endlich mal ganz aus sich heraus. Der Rest der Konferenz samt Austausch im therapeutischen Setting findet ohne Pressebeteiligung statt. Zusammen trommeln kann man übrigens auch draußen auf dem Freigelände bei Meinl. Dort hat es etwas von Sitztanz.
Aber ist das nicht – der tote Kurt Cobain? Tatsächlich, am Hiwatt-Stand ist er als Zeichnung verewigt, unter dem Titel: „Who’s next?“ Das ist aber nicht so gemeint, sondern in der Art: Wer spielt als Nächster einen Hiwatt-Verstärker? Außerdem gilt Kurt Cobain nicht. Der Nirvana-Sänger weilt schon viel zu lang nicht mehr unter uns.

Was für schöne Bassgitarren die Firmen Le Fay und Marleaux gebaut haben, was für ein schönes Flügelhorn Klaus Martens. Dafür gab es jeweils den Deutschen Musikinstrumentenpreis 2017. Keiner der drei Hersteller hat einen Stand auf der Messe.

Wer hat überhaupt noch einen Stand? Orange hat wieder einen. Und Höfner – mit Paul McCartneys berühmtem Bass. Gibt es ein Modell mit Signatur? „No“, sagt Marketing-Manager Nick Wass, ein Brite, und führt auch den Rest des Gesprächs auf Englisch, samt dem Satz: „We are a German company.“ Die Musikmesse sei spürbar kleiner als in den Vorjahren, urteilt Wass, aber besser organisiert. Ehrensache, dass Höfner noch eigene Stände hier habe, aber ob 2018 wieder einer für elektrische Gitarren dabei sein werde – fraglich, denn es lasse ja leider alles nach: „Older people play guitar.“ Apropos: Paul McCartney spielt immer noch seinen Höfner-Bass aus dem Jahr 1963, aber er hat nie einen signiert. Paul unterschreibe ungern etwas, sagt Nick Wass, und das tue der Freundschaft auch keinen Abbruch. Möge er noch lang gesund bleiben.

Zwei schlimme Sachen: Viele Onlinehändler böten „Scheiß“ statt Musikinstrumenten an, berichtet Marcel Klotz im Vortrag „Das Instrument – Ende eines Geräts (...)?“ Und ein Stand verteilt Getränke mit nicht druckfähigen Namen aus dem Bereich Sexualität. „Ja, wir schenken richtig Alkohol aus“, bestätigt eine Mitarbeiterin auf Anfrage.

Zwei Tipps: In Halle 11.1 (Business-Kram) ist es paradiesisch ruhig, besonders wenn man gerade aus dem Trommelgitarrenchaos der Ebene 11.0 kommt, wo man nach etwa 30 Minuten akut vitalitätsbedroht ist. Wer es auf die Spitze treiben möchte oder die Nacktheit in üblichen Saunas nicht schätzt, geht in die „Sweatbloodtearsbox“ im Guitar Camp. Da spielen bekannte Gitarristen live, und der Box-Name ist keineswegs übertrieben.

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