Folksänger Sam Lee.
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Folksänger Sam Lee.

Folksongs

Die Schätze, die er barg

  • Sylvia Staude
    vonSylvia Staude
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Folk und noch viel mehr: Sam Lees fantastisches Album „Old Wow“.

Er verändert, um zu bewahren. Er schreibt auf einem alten Manuskript, aber er radiert den alten Text nicht aus, er ergänzt ihn, begleitet ihn, hübscht ihn auf, damit er nicht vergessen wird. Volkslieder seien Rohmaterial, sagt Sam Lee, seien nichts als Text und eine Melodie. Mehr habe man nicht – und manchmal nicht einmal das. Und wenn man die Überlieferung, das alte Lied weiterreichen will, muss man ein neues Kleid dafür schneidern.

Der Brite Sam Lee, geboren 1980, ist ein respektvoller, aber auch ein origineller Schneider. Und er bleibt nicht bei einem Schnitt. „Old Wow“ ist sein drittes Album – mit dem alten Wow ist die Natur in ihrer Erhabenheit gemeint –, es wurde von Bernard Butler von Suede produziert und hat jazzige, rockige Elemente, Streicherwehen, einen Gospelhauch. Butler ist mit Gitarre und E-Gitarre dabei, ein Novum für ein Lee-Album; die beiden kamen zusammen, weil die Gitarre nicht nach Gitarre klingt, wie Sam Lee findet. In der Tat könnte sie das Flüstern sein, das Grummeln, leise Kratzen, schwer zu sagen.

„Old Wow“ ist eine Quadratur des Kreises, weil auch die Momente voll wehmütiger, schmerzender Süße ganz ohne Kitsch auskommen. Weil der mit seiner Stimme manchmal Schleifen bindende Sam Lee trotzdem kein Crooner ist, weil er sich jeder Zeile hingibt, aber mit einem Rest Sachlichkeit in seinem Bariton. Er hat dieses Singen vor allem bei britischen und irischen Travellers gelernt, es ähnelt nichts, was man so im Pop- und Rockbereich hört.

Das Album:

Sam Lee: Old Wow. Cooking Vinyl/Sony Music.

Sam Lee begab sich diverse Male zu den Wurzeln, zu der Gypsy-Sängerin Freda Black, zum Schotten Stanley Robertson, und machte dann doch in seinem Herzen sein eigenes Ding aus den Schätzen, die er barg. Er war Burlesque-Tänzer, ehe er den Folk entdeckte. Er spielt die indische Shrutibox zu alten englischen Liedern. Er schnitt Vogelgesang zusammen und stand mit dieser Single vergangenes Jahr in den Top 20. Übrigens engagiert er sich auch beim Nest Collective und bei Extinction Rebellion.

Aber zurück zu der Musik von „Old Wow“, die meist sparsam und manchmal füllig ist, sich ein paar weiche Schnörkel erlaubt, sich Harschheit erlaubt. Die immer aber Raum lässt zum Atmen und Nachhören.

„The Garden of England“ beginnt auf plinkernden Zehenspitzen und schwillt behutsam an. „Lay This Body Down“ hat den Gospel im Blut. Und dann kommt schon „The Moon Shines Bright“, in das wie ein Edelstein das schottische „Wild Mountain Thyme“ gefügt ist, gesungen von der Engelsstimme Liz Frasers (einst Cocteau Twins). Jazzig und drängend folgt der thymianduftenden Mondensüße „Soul Cake“, das man in Teilen wiedererkennt als das traditionelle englische Weihnachtslied „Green Grow the Rushes, O“.

Die Geschichten handeln von der Liebe („Turtle Dove“), vom Tod („Lay This Body Down“), von der Rastlosigkeit und der Heimkehr wie ein verlorener Sohn („Spencer the Rover“), noch einmal von der Ferne und der Größe der Natur („Jasper Sea“). Ein altes Schlaflied ist „Worthy Wood“, aber es ist eher melancholisch-verstörend als einlullend.

Es gibt keine Eisenbahnen, keine Autos und schon gar keine Handys in diesen Liedern. Man spürt, dass sie aus einer anderen Zeit kommen, aber die in ihnen besungenen Gefühle sind zeitlos. Sam Lee sei Großbritanniens wichtigster Sammler traditioneller Songs, schrieb der „Guardian“. Aber er ist mehr als das: Er ist auch ihr Fürsprecher, Fürsänger. Einen besseren könnten sie nicht haben.

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