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Okean Elzy in der Jahrhunderthalle: Fähnchen und Blütenkränze

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Von: Marcus Hladek

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Okean Elzy bei einem Spontan-Konzert in Kiew.
Okean Elzy bei einem Spontan-Konzert in Kiew. © imago images/Ukrinform

Die ukrainische Band Okean Elzy in der Frankfurter Jahrhunderthalle.

Okean Elzy, so der Name der fünfköpfigen Band, die in der Jahrhunderthalle zu Frankfurt-Höchst gewaltigen Zuspruch erfährt, nimmt im Seelenhaushalt der von Unterdrückung, Arroganz und Kriegsgewalt des Nachbarn Russland geplagten Ukrainerinnen und Ukrainer eine spezielle Stellung ein. Frontmann Svyatoslav Vakarchuk ist so etwas wie die ukrainische Bob-Geldof-Bono-Kombi, denn er war schon lang vor Kriegsbeginn 2014 als UN-Botschafter des guten Willens und bei vielen Wohltätigkeitsprojekten aktiv. Er und die 1994 gegründete Band spielen einen eingängig satten Sound. Vor allem bekennen sie sich aber seit zwanzig Jahren zur Freiheit und Unabhängigkeit: als Cheerleader zur Orangen Revolution und den Euromaidan-Protesten. Seit der Krim-Annexion 2014 verweigern sie auch Auftritte in Russland. In der Ukraine begeistern sie wie keine zweite Band.

Vakarchuk ist in seiner Heimat Lviv Teil der Streitkräfte und das Konzert Teil der „Help for Ukraine“-Tour, die um Unterstützung wirbt und die Einnahmen für kriegsbetroffene Kinder und medizinische Einrichtungen spendet. Dass viele Ukrainer und -innen die Songs von Okean Elzy Soundtracks ihrer Schicksale nennen, weil die Band immer dabei war, auch bei profanen Anlässen wie der Fußball-WM 2006 in Deutschland (manche taufen sogar ihre Töchter Elsa), wird man nach dem ausverkauften Abend trotz unverstandener Liedtexte nicht anzweifeln.

Der Enthusiasmus des, bis auf viel Gelb und Hellblau, ganz normalen, meist 17- bis 30-jährigen Konzertpublikums war überschäumend. Zwar gab es viele Fähnchen, ein paar umgewickelte Fahnen und ein wenig Folklore etwa in Form von Blütenkränzen im Haar oder Sonnenblumen in Vakarchuks Händen. Auch heizte sich das Publikum in der langen Wartezeit mit Wechselchören auf „U-kra-ina“ und wohl auch „Putin“ (wie man sich da wohl Luft machte?) selbst auf und zeigte sich versiert im Mitsingen von Refrains und ganzen Liedern. Doch hatte all das nie etwas Zwanghaftes oder Eiferndes. Im Gegenteil. Unschuld wäre ein passendes Wort.

Musikalisch erinnerte die Band, die in Kiew einmal Vorband für Deep Purple war, ans klassische Erbe der Pop- und Rockmusik seit den Siebzigern und Achtzigern, vom Hardrock über „gently weeping“ Gitarren bis zu deutschen Bands à la BAP: alles sehr beherrscht eingesetzt, effektvoll und intelligent im Live-Sound.

Schade, dass von den vielen Ansagen Vakarchuks nur das gelegentliche „Danke, Deutschland“ zu verstehen war. In Sachen Ferngegner Putin bliebe nachzutragen, dass Vakarchuk ihm, dem CNN ein heimliches 200-Milliarden-Dollar-Vermögen nachsagt, im Äußeren mühelos den Rang abläuft. Putin zeigt sich ja gern hoch zu Ross mit prallen Pektoralmuskeln oder „Pecs“ unter fahl-verkniffenem Gesicht. Bei extrem Rechten mit Triebtendenzen macht ihn das zum Polit-Centerfold à la Rambo. Nun, in der Jahrhunderthalle übertrumpfte Vakarchuk Putins Altmänner-Pecs locker. Hier also 1 zu 0 für die Ukraine.

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