1. Startseite
  2. Kultur
  3. Musik

Ohrenschmeichlereien

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

"Mutter's Virtuosi" im Kurhaus Wiesbaden beim Rheingau Musik Festival.
"Mutter's Virtuosi" im Kurhaus Wiesbaden beim Rheingau Musik Festival. © Ansgar Klostermann / RMF

Ganz im Ernst: Beim Konzert von „Mutter’s Virtuosi“ beim Rheingau Musik Festival im Kurhaus Wiesbaden stellten sich einige Geschmacksfragen.

Von Stefan Schickhaus

Die erste Geschmacksfrage stellte sich schon im Jahr 2011. Da trat die Geigerin Anne-Sophie Mutter das erste Mal mit einem aus ihren Stipendiaten besetzten Ensemble auf, das sie „Mutter’s Virtuosi“ nannte. Welch ein Name! Von nachgerade komödiantischer Qualität! „Wo die Sprache aufhört, fängt die Musik an“, meinte E.T.A. Hoffmann – hier fängt die Sprachpantscherei an, ehe ein Ton Musik erklingt.

Mit „Mutter’s Virtuosi“ war die Leistungsträgerin der internationalen Violin-Liga jetzt im Wiesbadener Kurhaus zu Gast, ein später, aber in Sachen Kartenpreise führender Termin des Rheingau Musik Festivals. Und es war ein Termin, der etliche Geschmacksfragen zu stellen geeignet war.

Am unzweifelhaftesten beantwortete diese der Komponist Krzysztof Penderecki, der für Mutter und den fantastischen, generell auf einem niedrigen Stuhl sitzend spielenden Kontrabassisten Roman Patkoló ein Duo concertante geschrieben hatte. Dieses Duo hat Kraft vor allem rhythmischer Natur, es erinnert an Strawinskys „Geschichte vom Soldaten“.

Eher an den späten Richard Strauss dagegen lehnt sich das Nonett für zwei Streichquartette und Kontrabass von André Previn an, der heute 86-jährige Komponist war von 2002 bis 2006 mit Anne-Sophie Mutter verheiratet. Sein vor zwei Wochen erst uraufgeführtes Nonett ist ein Ohrenschmeichler, durchsetzt von süßen Melodien. Wer für Mutter schreibt, denkt die enorme Schönheit ihres Tones mit.

Verblüffend kontrolliert und langweilig

Dann Vivaldi, die „Vier Jahreszeiten“. Und da ist es dann doch verblüffend, dass man 2015 noch einen derart perfekt monochromen, perfekt kontrollierten und damit höchst langweiligen Barockklassiker angeboten bekommt. Hier ist Mutter eine Geigerin der Extreme, so wie ihre Antipoden aus der Barockszene, nur eben auf der anderen Seite der Skala. Ein Enrico Onofri oder ein Giuliano Carmignola haben sich überboten darin, das Sprechende, Singuläre dieser Musik herauszuarbeiten. Mutters Musizierhaltung dagegen ist geprägt von Ebenmäßigkeit und Linie. Überzuckert und üppig klingen da die langsamen Sätze, reine Schönheit, schöne Reinheit.

Nur die Virtuosi (mit Hochkarätern wie Maximilian Hornung, der 23-jährig Erster Solo-Cellist des BR-Symphonieorchesters wurde) durften da einmal schroff dazwischenfahren, Mutters Ton wird ja noch süßer durch die Herbe um sie herum. Die jungen Musikerinnen und Musiker sind gut, jedenfalls zu gut für diesen grotesken Ensemble-Namen.

Auch interessant

Kommentare