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OG Keemo „Mann beißt Hund“: So hat es das Universum geplant

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Von: Nicklas Baschek

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OG Keemo. Foto: maxivisuals
OG Keemo. © maxivisuals

OG Keemos Album „Mann beißt Hund“.

Der Rapper OG Keemo erschien 2018 mit dem Track „Vorwort“ auf der Bühne. Er rappte über einem extrem aufgewerteten 90er Instrumental der alten Helden Mobb Deep scheinbar über seine Ankunft im Rapgame. Im Strom, ohne Refrain. Er schrieb Zeilen wie „Ich gleite durch die Straßen wie ein Manta-Rochen“, er schrieb über den getrunkenen Schnaps, die alten Helden, über die zu den alten Helden im Hochbett mitgerappten Parts und den unterschriebenen Plattendeal: „Ja, was nimmst du einem Sohn, der keine Mom mehr hat? Unterschrieb den Vertrag ’nen Tag nachdem ich sie begraben hab’.“ Ein Leben liegt schon hinter ihm.

Seitdem war OG Keemo zusammen mit seinem Jugendfreund und Produzenten Funkvater Frank ein schon fast erfülltes Versprechen. Das erste volle Album „Geist“ erzählte 2019 erstmals Stück für Stück von seinem Großwerden am Mainzer Lerchenberg, in der Papageiensiedlung. Farben auf Beton. Daniel Gerhardt schrieb schon damals in der „Zeit“, OG Keemo sei Deutschlands bester Rapper und habe den wichtigsten Beitrag zum deutschen Rap seit Sidos „Mein Block“ geleistet. Und er verglich das völlig nachvollziehbar mit Kendrick Lamar (Technik, Text, Beats, Haltung, Test der Zeit usw.).

„Mann beißt Hund“ kommt nun ein knappes Jahr später als geplant, Keemo berichtet in aktuellen Interviews – die über den Kontrast die Absurdität der anderen Interviews im Rap mit Gestalten wie Fler oder Kollegah hervorkehren – wie sehr ihm und seinem Produzenten die Arbeit zugesetzt hat. OG Keemo greift den Kendrick-Vergleich auf dem Album selbst auf, im letzten Song, er steht nicht dahinter, heißt es da. Eine falsche Fährte.

Im Honda auf Beutezug

Das Album stellt drei Figuren in den Mittelpunkt. Keemo, Malik und Yasha. Sie lernen sich im ersten Track kennen („zu skinny für einen Raub“ und „Augen eines Toten“), sie rauchen einen, sie gehen auf Beutezug in einem Honda (im Unterschied zum weißen Toyota bei Kendrick Lamar), sie sprechen darüber, ob „Hund“ eigentlich eine Beleidigung ist, und sie sprechen übers Fallen. Einer wird irgendwann gehen und darüber schreiben, andere bleiben zurück.

Das Album:

OG Keemo: Mann beißt Hund. Chimperator (Groove Attack).

OG Keemo rappt schließlich, nachdem er ging, in „Töle“ als der verlassene Freund: „Ich dachte, du und ich wären auf derselben Wellenlinie / Doch du und das Viertel waren ’ne schnelle Liebe.“ Erst die Vorwürfe: „Ja, Karim, ich schwöre, du machst Profit mit der Siedlung, in der ich wirklich leb’/Ich hab’ gesagt, du wirst mal groß, du meintest, dass ich viel erzähl’.“ Er hat recht behalten.

Das Saxofon nölt immer wieder verzweifelt die gleiche Phrase. Stille. Bassschlag. Und er beginnt neu, die Wut dahin, jetzt bittet er inständig, komm zurück. Einfach ein verlorener Freund.

„Ich bekam ’ne Rolle und ich ließ es zu, ich nehm’ was Unschuldiges und vergift’ es / Des is’, was ich tu, so wurd’ ich gemacht, so hat’s das Universum geplant.“

Keemo hatte die Frage früher schon mal gestellt auf dem Album: Hatte er denn eine Wahl? Gebäude aus Beton, eine Sonne aus Eisen, ein Gehäuse aus Stahl. Ist das so?

Wahrscheinlich hatte er eine Wahl, sagt er. Natürlich hatte er eine Wahl.

Sein Freund bekam eine Rolle, ein kosmischer „Plan“, den er „zuließ" – sich also entschied. Auch die Hunde des Titels sind einerseits genau wir, dadurch sind sie näher, netter. Kein Wolf. Das Beleidigende wird getilgt in „Du Hund“. Sie sind doch wie du und ich. Keemo antwortet am Schluss des Albums, als er sich an den Anfang erinnert, an die Frage, was er denn tue in einen Welt voller Hunde. „Versuchen, nicht gebissen zu werden.“ Lachen.

Niemand muss in Close Readings rein, um die Größe dieses Albums, die sprachliche Sensibilität, die Details, mit der dieses Konzept durchgezogen wird, mitzubekommen. Aber dieses Album hält auch den Close Readings stand. Eine Musik, die schwer wiegt. Ein Text, der noch lange hält.

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