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Francesco Tristano in Tokio im Studio.

„Tokyo Stories“

Ein offenes Ohr im Hotel Meguro

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Das neue Album von Francesco Tristano ist japanisch beeinflusst.

Japan ist nicht bloß das andere Ende der Welt. Aus der Sicht eines Mitteleuropäers scheint Japan auf einem fremden Planeten zu liegen. Das liegt nicht nur an den rund elf Stunden Flugzeit und dem Aufstehen in der anderen Zeitzone. Es liegt vor allem daran, wie dieser Planet funktioniert, auf dem alles anders zu sein scheint. Und Tokio ist die unumstrittene Hauptstadt dieses fremden Planeten.

Dem Reiz dieser Stadt ist der luxemburgische Pianist Francesco Tristano schon vor vielen Jahren verfallen. Der Musiker liebt das Wandeln zwischen den Welten, auch musikalisch. Er tritt mit seinen Piano-Konzerten oft in Tokio auf, aber genauso in der Alten Oper Frankfurt. Er spielte mit Palais-Schaumburg-Mastermind Moritz von Oswald die Hauptrolle beim Music Discovery Project mit dem HR-Sinfonieorchester, veröffentlichte Alben mit Techno-Urgestein Carl Craig, legt selbst in Clubs auf dem ganzen Globus auf und jubelt seinem ravenden Publikum ein Requiem von Bach zwischen die Beats. So ist es wenig verwunderlich, dass die Release-Party seines aktuellen Albums „Tokyo Stories“ in der Berghain-Kantine in Berlin gefeiert wurde. Ein weiteres Konzert ist im kleinen Saal der Elbphilharmonie geplant, am 6. Oktober spielt Tristano übrigens in der Centralstation Darmstadt.

„In den vergangenen Jahren war ich sehr oft in Tokio, meist sogar mehrmals“, erzählt Tristano. Als Künstler sei es ihm verhältnismäßig leicht gefallen, Tuchfühlung mit an sich recht kontaktscheuen Japanern aufzunehmen. Die Clubs und Konzerthallen, in denen er spielte, stellten ihm stets Betreuerinnen und Betreuer zur Seite, die ihn im japanischen Alltag begleiteten. Mittlerweile hat sich Tristano auch ein passables Alltagsjapanisch angeeignet, mit dem er zumindest im Restaurant etwas zu essen bestellen kann. Denn dass Englisch in der Megacity Tokio zum Durchkommen ausreicht, ist bis zum heutigen Tag keine Selbstverständlichkeit.

Je mehr Zeit Tristano in Tokio verbrachte, je fester die Bande zur Tokioter Kulturszene wurden, desto besser sei auch sein Gespür für den Puls dieser Stadt geworden. „Ich habe so etwas wie ein kleines soziales Umfeld in Tokio aufgebaut. Ich habe Menschen, die ich jederzeit besuchen kann, ich gehe immer wieder zum selben Sushimeister und er erkennt mich sogar. In Frankfurt hingegen kenne ich eigentlich niemanden“, sagt Tristano, der mit seiner Frau und seinen drei Kindern in Barcelona lebt.

Es kommt nicht besonders oft vor, dass es Europäern gelingt, einen Zugang zur japanischen Gesellschaft zu finden. Die Japaner haben aufgrund ihrer restriktiven Ausländerpolitik nur wenige Erfahrungen mit anderen Kulturen gesammelt.

Dazu kommt noch, dass die Überregulierung der sozialen Codes insbesondere in den japanischen Städten zu jeder Menge Fehlerpotenzial für Ausländer führt. Daher sind die Worte „Henna Gaijin“ wohl mit der erste Satz, den ein aufmerksamer Tourist zwischen einem Fauxpas mit den Toilettenschuhen (die gibt es wirklich) oder einem öffentlichen Taschentuch-Schnäuzer hört. Der Satz dient als Beleidigung und Entschuldigung zugleich und bedeutet „dummer Ausländer“.

Über dieses kulturelle Anfänger-Niveau ist Tristano längst hinaus, hat bei seinen zahlreichen Besuchen die Stadt kennen und lieben gelernt. Und so hat er sich die Sony-Studios in Tokio als Produktionsort seines jüngsten Albums herausgesucht. „Wir hatten nur zwei Tage Studiozeit gebucht, mussten uns also beeilen“, so Tristano. Die kurze Zeit sei den Preisen des Studios geschuldet gewesen. „Das war wirklich unglaublich teuer. Und das, obwohl ich im Programm von Sony Classical zu den von Sony geförderten Künstlern gehöre“, sagt Tristano.

„Ich habe also gefragt, ob es für die Mitglieder der Sony-Familie nicht einen günstigeren Tarif gibt. Dann habe ich erfahren, dass das bereits der Tarif für Sony-Künstler ist.“ Mehr als zwei Tage im technisch überaus beeindruckenden Sony-Studio seien also nicht drin gewesen. So entfielen weitere zwei Monate der Arbeit an „Tokyo Stories“ auf die Nachproduktion im heimischen Barcelona.

Die Kompositionen des in diesen Tagen erschienenen Albums „Tokyo Stories“ sind komplett in dieser kurzen Zeit entstanden, berichtet Tristano. Und es hat dem Album gut getan. Waren Tristanos Alben in der Vergangenheit bisweilen etwas sperrig und schwer zugänglich, erscheinen die „Tokyo Stories“ wie aus einem Guss. Gefühlvolle Piano-Melodien schmiegen sich an elektronische Beats und dezente Aufnahmen traditioneller japanischer Instrumente. Dabei umschifft Tristano den Kitsch, den Europäer gerne mal in die ostasiatische Musik mengen.

Insgesamt fünf Tage hat Tristano für die Produktion des Albums in Tokio verbracht. „Ich war drei Tage lang mit dem Aufnahmegerät an den Orten unterwegs, die mir in Tokio viel bedeuten, habe die Sound-Atmosphäre der Stadt eingefangen.“ Diese Field Recordings bereichern die Stücke und nehmen die Zuhörenden mit auf eine Reise durch die Stadt. Unter anderem begleiten wir Tristano zu seinen Freunden nach Hause, trinken mit ihnen Bier auf dem Balkon, stehen mit Tristano in einem Laden im Hardware-Viertel Akihabara, gehen mit ihm bei seinem Sushi-Sensei essen oder spazieren durch Shibuya. Wer des Japanischen nicht mächtig ist, wird kein Wort verstehen. Aber das Geplapper der Verkäuferinnen in Akihabara oder die Begrüßungsfloskeln des Sushimeisters im Restaurant sind so typisch für die allgegenwärtige Klangkulisse Tokios, dass das tatsächlich Gesagte nur eine untergeordnete Rolle spielt.

„Tokyo Stories ist für mich eine Hommage an die Stadt. Der Soundtrack zu einem Film, den es nicht gibt“, erklärt Tristano. Das Album ist so vielschichtig wie die Stadt selbst. Das oft in der Beschreibung von Japan beschworene Zusammenspiel von Tradition und Moderne spiegelt sich auch in den Kompositionen des Albums wider. Es gibt moderne Elemente wie die elektronischen Rhythmen oder das an Riyuchi Sakamoto erinnernde Pianospiel. „Dazu kommen die japanischen Instrumente, die in diesem Film ihre ganz eigenen Cameo-Auftritte haben“, so Tristano.

Besonders bedeutsam ist für Tristano das Stück „Hotel Meguro“. So nennen er und seine japanischen Freunde das Haus einer japanischen Freundin, das für Tristano die Basis eines jeden seiner Tokio-Besuche darstellt. „Als ich das erste Mal in Tokio war, war ich mit der Stadt echt überfordert und zugleich total fasziniert“, sagt er. „Ich habe damals in New York gelebt und gedacht, dass Tokio so viel anders und extremer ja nun auch nicht sein kann. Aber gegen Tokio ist New York ein Witz.“

Aber im „Hotel Meguro“, eben bei jener Freundin, habe er, sagt Tristano, immer eine offene Tür und ein offenes Ohr gefunden. „Da ist immer etwas los und jeder ist willkommen. Deshalb nennen wir das Haus auch Hotel Meguro. Das ist der Ort in Japan, den ich am besten kenne. Und wer das Album hört, lernt ihn auch ein bisschen kennen.“

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