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Musik

Oberflächenglanz und inniger Tiefgang

Konrad Junghänel und der Cantus Cölln haben eine unbekannte Marienvesper von Mazzocchi aufgenommen.

Von GUIDO FISCHER

Er ist der deutsche Midas der Alten Musik: Was Konrad Junghänel anfasst, wird zu Gold und darüber hinaus bisweilen kiloweise zu Platin. Die Verkaufszahlen machen's. Dabei widmet sich der Mann mit dem markanten, naturblonden Pagenschopf noch nicht einmal Kassenschlagern wie Vivaldis "Vier Jahreszeiten". Junghänels Spezialität sind vielmehr oftmals vergessene Vokalwerke von Komponisten, die im 16. und 17. Jahrhundert das europäische Musikherz höher schlagen ließen. Und kaum hat er seine Nase etwa in Messen und Madrigale eines Giovanni Rovetta oder Heinrich Schütz gesteckt und mit seinem Vokalensemble Cantus Cölln aufgenommen, hagelt es Höchstnoten der Kritik und Branchen-Preise.

Eine Stimme aus den Jubelchören hat es ihm besonders angetan. In einer englischen Rezension konnte Junghänel lesen, dass Cantus Cölln eigentlich auch das Telefonbuch singen könnte - "man würde immer Cantus Cölln erkennen." Eine außerordentliche Homogenität bei Wahrung der stimmlichen Individualität - damit lässt sich der typische Sound umschreiben, mit dem Cantus Cölln zum Markenprodukt wurde. Auch wenn es mittlerweile schon 22 Jahre alt ist, klingt es so unverbraucht wie am ersten Tag, als Junghänel seine Karriere als Lautenist beendete, um mit fünf Sängern und Sängerinnen das in Deutschland erste solistische Vokalensemble zu gründen.

Die altersbedingte Fluktuation im Team wurde stets bestens kompensiert. In diesem Jahr werden mit der Sopranistin Johanna Koslowsky und dem Tenor Wilfried Jochens die letzten Mitglieder der Urbesetzung von Cantus Cölln ausscheiden. Bei einem Vokalensemble, das sich gerade mal aus einer Handvoll Stimmen zusammensetzt, muss man schon über Fingerspitzengefühl verfügen, um die Lücken adäquat zu schließen. Aber Junghänel hat ihn immer noch hinbekommen, diesen fließenden, organischen Wechsel. Bis heute ist der Dirigent verantwortlich dafür, dass sich das Timbre eines neuen Mitglieds nahtlos in den langen Ensemble-Atem einfügt.

Doch strahlender Oberflächenglanz und innigster Tiefgang bilden eben nur das eine Standbein von Cantus Cölln. Das andere gehört der Pionierarbeit beim Repertoire und in der Aufführungspraxis. Wobei Junghänel weiß, dass jede noch so fleißige Rekonstruktion nur eine Annäherung an das Original sein kann. Mit Modebegriffen wie "Werktreue" und "Authentizität" geht er daher vorsichtig um. Natürlich war das Quellenstudium auch für ihn unerlässlich, als er 1987 den Cantus Cölln formierte. Aber die Archivarbeit schlug für ihn in der Szene doch allzu schnell ins Dogmatische um: "Vieles von dem, was man studiert hatte, wurde eins zu eins als Wissenschaft in Musik umgesetzt", erinnert er sich. "Aber Musik hat, wie Kunst überhaupt, nur bedingt mit Wissen zu tun. Wissen ist eine Grundvoraussetzung im Hinterkopf. Beim Musikmachen sollte man es aber nicht zu sehr in den Vorderkopf kommen lassen."

Vieles darf im Archiv bleiben

Dieses Credo bestimmt seit je die Arbeit mit Cantus Cölln. Und von Beginn an war Junghänel sich darüber im Klaren, dass der Schwerpunkt auf der deutschen und italienischen Musik der Renaissance und des Barock liegen soll. Im Gegensatz zu vielen Dirigenten-Kollegen, die sich im Werk-Kanon international und enzyklopädisch ausbreiten, gibt Junghänel unumwunden zu, dass er als Nicht-Muttersprachler niemals in die französische oder englische Musik so weit vordringen könne, wie er es etwa bei Bach oder Monteverdi schafft. Als Einschränkung sieht er diese musiksprachliche Achse jedoch nicht. Die deutsch-italienischen Notenarchive sind schließlich weiterhin bestens gefüllt. Wenngleich Junghänel hinzufügt, dass davon ruhig 90 Prozent weiter in den Bibliotheken liegen bleiben dürfe.

Dass in diesem Wust dennoch zahllose wertvolle Überraschungen darauf warten wiederentdeckt zu werden, kann man nicht nur an der rund 30 CDs umfassenden Diskographie von Cantus Cölln ablesen. Als aktuellste Trouvaille ist gerade die Weltersteinspielung der Marienvesper eines gewissen Virgilio Mazzocchi (1597-1646) erschienen. Mit dem Bruder des Römers, mit Domenico Mazzocchi, war der Opern-Dirigent Junghänel durchaus vertraut. Mit Virgilio, der als Kapellmeister an der Cappella Giulia am Petersdom Nachfolger von Palestrina war, betritt auch er dagegen wieder Neuland. Auf diesen souveränen Meister des alten, kontrapunktischen Stils und bedeutenden Vermittlers des von Monteverdi geprägten Stile nuovo hatte ihn vor zwei Jahren ein Musikwissenschaftler gebracht. Doch erst jetzt ist man ins Studio gegangen, "hat schließlich noch nie geschadet, den Schinken etwas abhängen zu lassen, weil im Laufe der Zeit immer wieder neue Fragestellungen auftauchen."

Einig war sich man hingegen darüber, diese Marienvesper, die es in dieser Form gar nicht gibt, in einen musikhistorisch stimmigen Gesamtzusammenhang zu bringen und den Psalmen Mazzochis geistliche Konzerte etwa eines Frescobaldi zur Seite zu stellen. Solche Repertoire-Nischen mögen zwar inzwischen für jede Schallplattenfirma mehr als nur ein Wagnis sein, doch mit Junghänels in Arles beheimatetem Label war abgemacht, dass man nach der 80 000 Mal verkauften CD mit frühen Bach-Kantaten nun wieder ein kleines Risiko eingehen könne. Aber andererseits besitzt Konrad Junghänel bekanntermaßen vergoldende Hände.

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