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Johannes Schwarz, Fagottist, Kontrafagottist.

Fagottist Johannes Schwarz

„Notationssoftware führt zu enorm vielen Noten“

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Das Ensemble Modern feiert Geburtstag: Fünf Fragen an den Fagottisten Johannes Schwarz.

Johannes Schwarz, geboren 1970, spielte 1990 zum ersten Mal mit dem Ensemble Modern, seit 2003 ist er dort auch Gesellschafter und damit mit der Konzertorganisation befasst. Als Fagottist spielt er auch in Sinfonie- und Barockorchestern und wirkt in Produktionen mit Big Bands sowie Improvisationsensembles mit. Sein Repertoire umfasst auch Tango-Arrangements sowie Pop- und Heavy-Metal-Musik. Mehrmals jährlich gibt er Workshops an Musikhochschulen und auf Festivals für Fagott, Rohrbau und Kammermusik. 

Vorab hat FR-Autor Stefan Schickhaus Mitglieder des Solistenensembles um Auskunft zu ihrem musikalischen Leben gebeten.

Welches Projekt oder welcher Komponist hat den nachhaltigsten Eindruck auf Sie gemacht?

Ich denke da an mein erstes Projekt als Gesellschafter: Heinz Holliger, Klavierquintett, mit ihm selbst als Oboisten. Es dauerte – trotz meiner guten Vorbereitung – keine drei Minuten, bis er mich als Neuling vor den Ohren der neuen Kollegen ins Visier nahm. Ich konnte diese Situation für mich allerdings ins Positive umkehren und davon lernen. Und bin immer noch beeindruckt von ihm als einem der wichtigsten Protagonisten, mit denen das EM zusammenarbeiten kann.

Welche Partitur war für Sie die schwierigste oder aufwendigste, wo sind Sie an eigene Grenzen gekommen?

Das problematischste sind Partituren, bei denen Komponisten musikalisch von den Musikern eine Art „Vollendung“ ihrer Komposition durch die Musiker wünschen. Manchmal merkt man, dass eine Komposition nicht ausreicht, um eigenständig zu überzeugen; dass sie zu offen ist, zu viele Fragezeichen beinhaltet. Dann wird der Musiker scheinbar unbeabsichtigt in die Rolle eines Komponisten gedrängt. Das nervt. Entweder an klaren Schnittflächen improvisieren oder vorgegebene Noten spielen!

40 Jahre Ensenble Modern

Das Ensemble Modern spielt und fördert seit 1980 zeitgenössische Musik, seit 1985 mit Sitz in Frankfurt. 2020 wird das 40-jährige Bestehen vielfältig gefeiert. Der „Jubiläumszyklus“ startet am 6. Januar in der Kölner Philharmonie, am 13. Januar in der Alten Oper Frankfurt – mehr zum Programm unter www.ensemble-modern.com.

Spielen Sie heimlich auch Bach oder Beethoven? Und: genießen Sie das? Würden Sie manchmal gerne in ein „klassisches“ Orchester wechseln?

Ich spiele gerne in Orchestern als Aushilfe, etwa beim WDR in Köln oder beim HR hier in Frankfurt, und entsprechend auch sehr gerne Klassik. Es ist eine reine Zeitfrage, also: lässt sich das parallel noch organisieren. Ich habe auch noch bis 2010 Barockfagott gespielt, aber habe das aus Zeitgründen wieder aufgegeben.

Wie hat sich die Neue Musik Ihrer Erfahrung nach verändert im Laufe der letzten 40 Jahre?

Ich finde, dass es zwischen 2000 und 2015 eine starke Beeinflussung durch computergestützte Notationssoftware gab. Das führte zu enorm vielen Noten, copy-and-paste-Systematik, eine hörbar dünne Musikalität und wenig musikalischer Anspruch, „zugekleistert“ mit der Dichte der Noten. Das hat sich mittlerweile etwas gelegt. Es wird dafür mehr experimentiert mit Verbindungen zu anderen Künsten. Das finde ich sehr gut. Und es rückte dadurch ein Punkt wieder in den Vordergrund, der an der Neuen Musik für mich am wichtigsten ist: Einen konkreten Gedankenaustausch mit dem Publikum zu generieren, über Themen der heutigen Zeit. Das konservative Muster des Publikum-belehrenden Frontalunterrichts wurde mittlerweile durchschaut, es setzen sich andere Umgangsformen durch.

Welchen Tipp geben Sie Menschen, die die Musik von heute als schwer zugänglich empfinden?

Es hängt sehr viel an der konkreten Konzertsituation, ob sich ein musikalisch dominierter Gedankenaustausch konkretisieren und in eine spürbare Nähe des Publikums rücken lässt. Performances sind da geeignet, auch neue Aufführungsräume, die klassische Konzert-Konventionen einfach nicht zulassen.

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