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„Nosferatu“ mit Livemusik von Michael Wollny in der Alten Oper: Die Töne des Grauens

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Von: Judith von Sternburg

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Er ist schlimm, aber irgendwie auch – possierlich: Szene aus dem Film „Nosferatu. Eine Symphonie des Grauens“ von Friedrich Wilhelm Murnau.
Er ist schlimm, aber irgendwie auch – possierlich: Szene aus dem Film „Nosferatu. Eine Symphonie des Grauens“ von Friedrich Wilhelm Murnau. © epd

Michael Wollny und ein kompaktes Ensembles improvisieren in der Alten Oper Frankfurt zu „Nosferatu“.

Der genau 100 Jahre alte Filmklassiker „Nosferatu. Eine Symphonie des Grauens“ von Friedrich Wilhelm Murnau war sofort ein Spektakel, aber zunächst gar nicht so erfolgreich. Nicht nur gab es urheberrechtliche Probleme – die Witwe von „Dracula“-Autor Bram Stoker überzog die Macher mit Klagen, erfolgreich. Es herrschte auch keine Einigkeit darüber, ob der Film für eine Vampirgeschichte dunkel und schaurig genug war. Die wunderbaren Szenen etwa, in denen Graf Orlok mit seinem Sarg unterm Arm hurtig durchs Bild huscht, sind in der Tat possierlich und ließen seit jeher die Stimmung in die Lachlust kippen. Trotzdem kommen Angsthasen schier um vor Grausen, das ist kein Widerspruch.

Das Genialische, aber auch Bizarre, das jedenfalls über dem Unterfangen liegt, passt in die Sphäre improvisierter Musik, mit der jetzt eine Aufführung beim Fratopia-Saisonstart-Festival in der Alten Oper Frankfurt unterlegt wurde. Oder unterlegte der Film eher die filigrane Musik von Michael Wollny, dem Bassisten Christian Weber und Mitgliedern des Norwegian Wind Ensembles? Ein ausgeglichenes Kräfteverhältnis, könnte man sagen, auch innerhalb der Combo. Wollny, der in dieser Saison eine Jazz-Residenz in der Alten Oper hat, übernahm offenbar die Rolle des Ersten unter Gleichen, erfahren und geschmeidig mischte sich die kleine Auswahl aus Norwegen hinein. Ein mit den Aufregungen der Handlung auf- und abebbendes musikalisches Geschehen entwickelte sich, hilfreich und unterstützend gerade auch dann, wenn die Geschichte in der Sache und Psychologie verschatteter war als die zum Teil wirklich strahlenden Filmbilder (mit vielen spektakulären Außenaufnahmen an, äh, Originalschauplätzen im pestgeplagten Städtchen Wismar/Wisborg und in den Karpaten).

Eine eigenständige Tonspur

Zugleich war das keine exakte musikalische Wiedergabe der Bilder, eher eine angemessene, aber eigenständige Tonspur. Wollny am Flügel mit dem Blick auf den Film sorgte auch für punktgenaue Effekte, vor allem ging es aber atmosphärisch zu. Auf schlimme Nächte folgt der nächste sonnige Tag, an dem der Titelheld still und steif im Sarg liegt und der optimistische Gatte des zentralen Opfers wieder lebensfroh in die Kamera lacht. Seine Frau wiederum wird durch ihr Opfer die Stadt – hier gewissermaßen: die Welt – retten, vor dem Vampir und der Pest in seinem Fahrwasser.

Die Blasinstrumente des norwegischen Ensembles bewährten sich auch bei feinen Lufteffekten, ohnehin regierte die schlanke Kommentierung gegenüber sinfonischer Breite. 99,5 Prozent Improvisation hatte Wollny angekündigt, die restlichen 0,5 Prozent seien eine Sieben-Ton-Skala, auf die man sich geeinigt habe. Theoretisch mag einem das rätselhaft vorkommen, praktisch vermittelte sich das Organische eines Improvisationsvorgangs ausgezeichnet.

Absagen musste der erkrankte Schlagzeuger Eric Schaefer, der Kollege aus dem Ensemble sorgte aber seinerseits für feine Trommelwirbel, spitze Akzente und dumpfen Grusel.

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