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Norbert Steins Trio Pata Polaris: Auf der Suche nach dem Fixstern

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Von: Hans-Jürgen Linke

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Norbert Stein. Foto: Heiko Specht/Patamusic
Norbert Stein. Foto: Heiko Specht/Patamusic © Heiko Specht/Patamusic

Norbert Steins Trio Pata Polaris und das gemeinsame Herzland

Vorweg ein wenig Entschlüsslungsarbeit, die vielleicht etwas von dem erklären kann, worum es bei diesem Album unter anderem gehen könnte: Der Titel „Heartland“ bezeichnet ganz sicher einen wünschenswerten Lebensraum. Was aber will uns der Bandname „Pata Polaris“ sagen?

Die Komponente „Pata“ geht zurück auf den französischen Schriftsteller Alfred Jarry. Er erfand nicht nur den König Ubu, sondern auch die Pataphysik, von der man nicht weiß, ob sie nicht eher „pas ta physique“ oder „patte à physique“ heißen sollte. Jedenfalls enthält sie eine Auffassung von Wissenschaft, die es mit der Wahrheit nicht sehr logisch und pathetisch nimmt.

Polaris aber ist der Stern, der sehr nahe am nördlichen Himmelspol zu sehen ist, sich daher scheinbar am Nachthimmel kaum bewegt und wegen dieser Eigenschaft auf der nördlichen Halbkugel seit Menschengedenken als Orientierungspunkt verwendet wird. In Wirklichkeit handelt es sich übrigens um ein Dreigestirn aus Polaris Aa, Polaris Ab und dem Begleiter Polaris B.

Es liegt also nahe, dass „Pata Polaris“ einerseits ein astronomisches Wort für ein Trio ist und daneben ein pathosfreies Forschungsvorhaben umschreibt.

Norbert Stein, Komponist und Saxofonist, verwendet „pata“ schon immer als Präfix für seine Produktionen wie einen Markennamen. Die beiden Mitmusiker des aktuellen Trios, Michael Heupel, Flöten, und Nicolao Valensi, Euphonium, gehören schon immer zu dem Kreis, mit dem Stein zusammenarbeitet. Vielleicht erkunden die drei, wenn man Bandnamen und Titel zusammenzieht, als eng miteinander vertraute Forschergruppe einen Fixstern in ihrem musikalischen Herzland?

Zum Album

Pata Polaris: Heartland. patamusic.de

Der wäre bereits etwas älter. Denn obwohl alle drei sich der gereiften improvisierenden Avantgarde und dem zeitgenössischen Jazz zugehörig fühlen, gehen ihre gemeinsamen Auffassungen von Musik in der Geschichte viel weiter zurück als das gute Jahrhundert, in dem es Jazz schon gibt.

Alle drei bringen die Luft mit Blasinstrumenten zum Schwingen, was auf ein körpernahes Konzept von Musik hindeutet, und die Basis ihrer Musik ist über weite Strecken an barocken Vorbildern ausgerichtet. Es gibt polyphone Satztechniken, es gibt durchgängig eine Arbeit mit melodischen Phrasen, die immer wieder in harmonische, zuweilen parallel geführte Mehrstimmigkeiten einmündet. Es gibt ein sehr weit gespanntes Spektrum an Dynamik, das von kurzen Fortissimo-Ausbrüchen bis hin zu langen, manchmal eher gehauchten als geblasenen Pianissimo-Phrasen reicht.

Mit dezentem Tremolo

Die Klangfärbungen verzichten meist auf schrille, schärfere Gangarten und bevorzugen überwiegend warme Timbres, fein schwingendes Vibrato, dezentes Tremolo und immer wieder einen vorübergehenden, pataphysikalisch-mehrbödigen Schönklang, der stets aufgelöst wird, lange bevor Kitschverdacht auftauchen könnte. Die Tempi sind äußerst variabel und voller Rubato-Passagen, die auf Verabredungen und live erfolgenden Zeichengebungen basieren.

Wenn es bei dieser Musik also um die Fixierung einer gemeinsamen Verbindlichkeit und Herkunft geht, dann liegt sie offenbar in der Nähe des europäischen Barock, zeitgenössisch und freigeistig, aber nicht historisch korrekt interpretiert. Das Herzland ist zu den Klängen der Gegenwart hin weit geöffnet.

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