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Nora Bossong, mit ihrem Roman „Schutzzone“ jetzt in der Romanfabrik Frankfurt zu Gast.  

Literatur

Nora Bossong in der Romanfabrik: Worüber wir uns Sorgen machen

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Nora Bossong liest in der Frankfurter Romanfabrik aus „Schutzzone“.

In der randvollen Romanfabrik in Frankfurt stellte Nora Bossong ihren UN-Roman „Schutzzone“ (Suhrkamp) vor und konfrontierte uns sehr freundlich, sehr gelassen und sehr gut informiert mit der Komplexität der Welt. Im Gespräch mit Michael Hohmann machte sie etwa darauf aufmerksam, dass zu Beginn der 1994 zum Völkermord führenden Unruhen in Ruanda und Burundi besorgte Anrufer bei den UN nach dem Wohl der Berggorillas fragten. Es ist natürlich gut und wichtig, sich um das Wohl der Berggorillas zu sorgen. Natürlich konnten die Anrufer auch nicht wissen, dass in den kommenden Monaten hunderttausende Menschen massakriert werden würden. Andere konnten es vielleicht auch nicht wissen, aber mehr wussten sie schon. Hauptthema, so Bossong, sei damals jedoch das Ausfliegen der Europäer gewesen, die Rettung der Landsleute.

Schwarze, die Schwarze massakrieren, das – mutmaßt wiederum eine Romanfigur in „Schutzzone“ – könnten Weiße immer noch leichter ertragen. „Das war das Problem mit Jugoslawien“, sagt die Figur, „nicht die Nähe, eine Flugstunde, nicht, dass es Europa war. Nein, einfach nur, dass sie weiß waren, das wollte hier niemand sehen.“

Freilich, das zeigten Gespräch und Lesung, gibt es mehr als eine Wahrheit. Während Bossong glasklar las (wie die Hauptfigur Mira hat sie eine schöne Radiostimme), verlor man schon bei den kurzen Abschnitten den Boden unter den Füßen. Ob Milan, der Fast-Bruder aus Miras frühen Kindertagen, damals Schubert auf dem Klavier spielte oder nicht (Milan sagt nachher, er habe noch nie Schubert gespielt, aber vielleicht hat er nur keine Lust, darüber zu reden), ist harmlos – trotzdem selbstverständlich irritierend, was Miras Zeugenschaft angeht. Die Erzählerin, auf die wir uns naturgemäß verlassen haben, verlassen müssen, ist offenbar doch nicht so verlässlich.

Und vor ihren Augen erweisen sich nun auch die Informationen zum großen Morden in Burundi als verwickeltes Netz aus Schuld, Untätigkeit (die ebenfalls Schuld sein kann) und fatalen Fehleinschätzungen. Mira recherchiert in UN-Auftrag in Bujumbura, wie auch Bossong reiste, um Orte des Geschehens selbst zu sehen. Dass im kurzen Publikumsgespräch der Eindruck entstehen konnte, sie hätte ein Sachbuch geschrieben, war kein Problem, da sie Fragen zu Völkerrecht und Völkermord tadellos beantworten konnte.

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