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Der Sänger und Liedermacher Reinhard Mey.

Reinhard Mey

Was ich noch zu sagen hätte

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Er ist ein deutscher Liedermacher der ersten Stunde: Reinhard Mey feiert heute seinen 75. Geburtstag.

Das erste Mal habe ich seinen Namen Anfang der siebziger Jahre in der Fernseh-Spielshow „Wünsch Dir was“ mit Dietmar Schönherr und Vivi Bach gehört. Auf die Frage, wer denn ihr Lieblingskünstler sei, hatte eine junge Kandidatin derart hingebungsvoll „Reinhard Mey“ ins Publikum gehaucht, dass ich es nie mehr vergessen habe.

Die zeitgenössische Kritik war da etwas nörgeliger. „Rückzugslyriker“, „Heino fürs dritte Programm“ und „Heintje für Höhergestellte“ lauteten die despektierlichen Urteile über einen, der eben noch der Garde junger deutscher Liedermacher angehörte, die auf der Burg Waldeck ihr künstlerisches Erweckungserlebnis zelebriert und dort eine Art Gruppe 47 für Bänkelsänger ins Leben gerufen hatten. Man gab sich links und sang vom gesellschaftlichen Aufbruch. Manch einer trommelte mit den Fingern den Rhythmus der Revolte auf den Gitarrenkasten, und der Name Burg Waldeck dient heute in historischen Chroniken oft zur atmosphärischen Beschreibung des kulturellen Horizonts der 68er-Bewegung.

Reinhard Mey blickt jedoch spürbar ernüchtert auf die Strahlkraft des Festivals der 60er Jahre zurück. In Interviews klagte er wiederholt über den enormen sozialen Druck, der dort geherrscht habe und dem letztlich nur einer wie der ideologisch gestählte Kollege Franz-Josef Degenhardt gewachsen war. Man feierte sich als singende Liga der Unangepassten, aber kleinste Abweichungen konnten bisweilen recht übelgenommen werden. Dabei war der Mey zweifellos einer von ihnen. Eine Zeitlang war er zusammen mit Hannes Wader durch kleine Konzerthallen getingelt, weil jeder einzeln noch nicht genug eigene Lieder für ein abendfüllendes Solo-Programm hatte. Wader gab in seinen lässigen Adaptionen aus der amerikanischen Folk-Tradition nicht nur den Bürgerschreck, er sah auch so aus.

Reinhard Mey hingegen schien auch optisch in das Beuteschema von jungen Töchtern und deren Müttern zu passen, und er sang dazu gefällige Weisen, die die lyrische Vieldeutigkeit des französischen Chansons verströmten. Weil die Nazis das deutsche Liedgut gründlich ruiniert hatten, schienen derart ambitionierte Vortragsarten eher gewöhnungsbedürftig. Zur Legende des jungen Reinhard Mey gehört es denn auch, dass er in Frankreich sehr viel früher als Sänger reüssierte als in der Bundesrepublik, wo die westdeutsche Laufbahn jenseits der Schlagerbranche ein missgünstiges linkes Kulturmilieu aufrief, das Mey recht bald seine kommerziellen Erfolge vorhielt.

Von Anfang an erstaunlich stilsicher

Zu lieb, zu sanft, zu kleinbürgerlich – der Sound der frühen Jahre ging nicht gerade zimperlich um mit dem Bürgersohn aus Wilmersdorf, den die Eltern, zunächst gegen den Willen des Schülers, auf das damals noch in Berlin-Reinickendorf untergebrachte Französische Gymnasium schickten, das sich im Lauf der Jahrzehnte wiederholt als künstlerische Kreativschmiede erwies.

Reinhard Mey war von Anfang an erstaunlich stilsicher. Ein Lied wie „Ich wollte wie Orpheus singen“ verriet zudem eine dichterische Leichtigkeit, die ihn in die Nähe der bei vielen verpönten Schlagerkultur brachte, und es war nicht ganz leicht zu erkennen, dass hier einer gekonnt jene schnöde Grenze zwischen Kunst und Unterhaltung in beide Richtungen überquerte. In dem spielerisch-melodiös daherkommenden „Mein achtel Lorbeerblatt“ verteidigte er den einzelgängerischen Eigensinn gegen die Kakophonie der Kritik. „Und ich bedenk’, was ein jeder zu sagen hat,/Und schweig’ fein still,/Und setz’ mich auf mein achtel Lorbeerblatt/Und mache, was ich will.“

Mit seinem Sinn für kuriose Geschichten („Ich bin Klempner von Beruf“, „Der Mörder ist immer der Gärtner“, „Ankomme Freitag den 13.“) und feinsinniger Selbstironie wurde Reinhard Mey zu einer der wichtigsten Stimmen der fortschreitenden Individualisierung der Republik. Er fand seine Hörer in allen sozialen Schichten und schien es mühelos unter einen Hut zu bringen, als Angehöriger einer kritischen Intelligenz angesehen zu werden und zugleich das Erkennungslied für die deutsche Fernsehlotterie zu singen. Der Vorwurf, nicht politisch genug zu sein, hat Reinhard Mey wohl dazu gebracht, seine Überzeugungen nicht allzu bekenntnishaft zu schmettern. Rückblickend kann man sagen, dass das wohl auch zu seiner musikalischen Haltbarkeit beigetragen hat.

„Über den Wolken“ und „Gute Nacht Freunde“ sind deutschsprachige Evergreens, und der Mann, der sie singt, trägt sie noch immer derart unprätentiös vor, als seien sie gerade erst geschrieben worden.

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