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Goran Bregovic.

Goran Bregovic

Und noch einmal alle zusammen

Goran Bregovic mit alten Gefährten, zunehmendem Publikumschor und einer Portion Jugonostalgia im Frankfurter Waldstadion.

Von Volker Schmidt

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Goran Bregovic? Im Stadion, in dem sonst die Frankfurter Eintracht spielt? Das kriegt der voll? Nicht ganz: Die Bühne steht vor einer Tribünenseite, vor den Business Seats. Die allerdings sind ausverkauft – denn Goran Bregovic ist mit zwei alten Kumpels von Bijelo Dugme zu Gast, und das ist ein bisschen so, als hätte Roger Waters Dave Gilmour und Nick Mason dabei.

Außerhalb der Balkan-Halbinsel kennt man Bregovic mit seinem weltmusikalischen Weddings and Funerals Orchestra und von den Soundtracks diverser Emir-Kusturica-Filme. Im verflossenen Jugoslawien war er vor allem Gitarrist und Bandleader von Bijelo Dugme („Weißer Knopf“), der mit Abstand berühmtesten Band der Sozialistischen Föderativen Republik, den Rolling Stones des Balkan.

Bijelo Dugme wurde 1974 in Sarajewo in Bosnien gegründet. Dort ist auch Bregovic geboren, Sohn eines kroatischen Vaters und einer serbischen Mutter. Die Band löste sich 1989 auf, bevor Jugoslawien auseinanderfiel. 2005 spielte sie drei gigantische Reunion-Konzerte – in Sarajewo, Zagreb und Belgrad. Das Konzert im Waldstadion beginnt mit Videobildern: Jeansträger in Zastava-Kleinwagen, marschierende Pioniere, Zeitungsseiten aus Titos Tagen.

Jugonostalgia nennt sich, analog zur Ostalgie der ehemaligen DDR, die Retro-Sensucht vieler Ex-Jugoslawen. Im Publikum jubeln den Bildern auch viele zu, die als Kroaten, Serben, Bosnierinnen geboren sind, etliche wahrscheinlich in Deutschland. Den Pass mit dem fünfzackigen Stern besaßen sie nie, die Liedtexte von Bijelo Dugme kennen sie auswendig.

Örtliche Journalisten nannten das „Hirten-Rock“

Cream, Deep Purple, Led Zeppelin und Co. inspirierten die Band am Anfang; manches Riff in ihren Liedern kommt von irgendwo bekannt vor, nicht nur „Ne spavaj mala moja“, ihre Version von Chuck Berrys „Rock’n’Roll Music“. Später integrierte Bijelo Dugme folkloristische Elemente, örtliche Journalisten nannten das „Hirten-Rock“. Jetzt stehen auf der Bühne fünf Blechbläser, zwei Sängerinnen in Tracht (unter der Daunenjacke) und ein Trommler. Manchmal mogeln sich konservige Klänge dazu, Drumbeats, Basslinien.

Die Bläsersektion hat Balkan-Power-Brass ebenso drauf wie schmutzige Soul-Einwürfe, und der Saxophonist spielt auch mal ein gefühlvolles Solo. Bregovic erweist sich als ziemlich guter Gitarrist, der öfter rhythmisch rockt als in virtuosen Soli schwelgt. Die meiste Zeit steht Alen Islamovic am Mikro, der letzte Sänger der Band in den Achtzigern. Um melodische Feinheiten kümmert er sich wenig, es geht um Hymnen zum Miteinstimmen, um Weißt-du-noch-Balladen und um viel Oooohoohoo.

Etwa im letzten Drittel tritt „Tifa“ auf, bürgerlich Mladen Voicic, Mitte der achtziger Jahre nur ein gutes Jahr und ein Album lang Sänger der Band, aber hoch beliebt, wie „Tifa, Tifa“-Chöre zeigen. Seine Stimme ist rockiger und melodischer als die Islamovics, Geschmacksrichtung Robert Plant. Allerdings geht sie zunehmend im immer lauteren Chorus des Publikums unter, denn jetzt kommen die größten Hits. Zum Abschluss stehen beide Sänger gemeinsam auf der Bühne, und spätestens ab „Lipe Cvatu“ ist kein Halten mehr. Lange schallt’s im Walde noch: Jugoslawien lebe hoch.

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