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Bisher hat nichts den Gruppenzusammenhang in Frage gestellt. 

Root 70

Nils Wogram „Root 70“: Irgendwann trifft sich die Band wieder

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Nils Wograms „Root 70“ feiert den 20. Geburtstag mit einer opulenten Musik- und Bilder-Sammlung.

Eigentlich sollte in diesen Tagen die Jubiläums-Tour beginnen, es ist wirklich ein Jammer. Wenigstens aber kann man auf die opulente Jubiläums-Box hinweisen, die die Band Root 70 aus Anlass ihres 20. Geburtstages herausgebracht hat, mit Noten und Filmen, mit allen bisherigen CDs und einer ehrwürdigen Langspielplatte.

Der Name Root 70 verweist darauf, dass die Mitglieder des Quartetts allesamt in den 70er Jahren geboren wurden, damit zum Zeitpunkt der Band-Gründung unter 30 waren, also hoffnungsvoller Nachwuchs. Zurückblickend und zusammenfassend kann man heute sagen, dass Root 70 eine der innovativsten Jazz-Formationen Europas seit Beginn des neuen Jahrhunderts ist. Wer etwa zwischen „innovativ“ und „Jazz“ einen kleinen Widerspruch zu erkennen meint, liegt nicht ganz falsch.

Zusammengefunden hatten die vier sich nach individuell zurückgelegten geografischen und künstlerischen Wegstrecken und halb zufälligen, halb unvermeidlichen Teil-Begegnungen. Hayden Chisholm, Saxophon, und Matt Penman, Bass, kannten sich noch aus ihrer Jugend in Neuseeland. Chisholm kam zum Studieren nach Köln und erhielt dort 1998 als Erster den frisch begründeten Jazzpreis der Stadt. Penman zog nach New York. Nils Wogram, Posaune, kam nach zwei New Yorker Jahren nach Köln zurück, wo er Chisholm und Jochen Rückert, Schlagzeug, kennenlernte und 1999 den Preis erhielt, der Chisholm ein Jahr früher zuerkannt worden war. Rückert spielte mit Penman und Chisholm im Trio, eines Abends im Jahre 1999 wurde Wogram als Gast eingeladen.

Alle vier teilten den Eindruck, dass sich hier Charaktere gefunden hatten, die in vielversprechendem Maße eigenständig und eigenbrötlerisch wie auch konsensfähig und von gemeinsamen Ideen beflügelt waren. Beim Pfingst-Festival des internationalen Jazz in Moers am Niederrhein hatte im Jahr 2000 die Band ihre Premiere, und am 11. November des Jahres spielte Root 70 im Haus der Kulturen der Welt in Berlin auf dem Jazzfest, dessen künstlerischer Leiter damals Albert Mangelsdorff war.

Die Widersprüche wie die Harmonie, die die vier miteinander teilen, haben ein bewegtes und in der Beweglichkeit enorm haltbares Konstrukt ergeben. Dass es zwei Jahrzehnte lang gehalten hat und längst nicht erodiert erscheint, macht Root 70 zu einer der beständigsten Formationen im zeitgenössischen europäischen Jazz.

Die Jubiläumsbox:

Nils Wogram: Root 70. 2000 – 2020 Anniversary Box. Mit acht CDs, LP, Fotobuch. Nwog Records/ Edel.

Von Anfang an entwickelte die Band einen wiedererkennbaren Gruppen-Sound, der sich mit einer erstaunlichen Variabilität über Projekt-Phasen und Spielkonzeptionen hinweg einerseits verstetigt, andererseits stürmisch weiterentwickelt hat. Die Geburtstags-Box bündelt also acht stilistisch einzigartige Momentaufnahmen zu einer weiteren Momentaufnahme voller Kontinuität.

Es gibt eine spezifische klangliche Verdichtung und eine faszinierend swingende Lässigkeit in der Arbeit mit unregelmäßigen Metren, die Rückert und Penman in der Rhythmus-Arbeit entwickelt haben. Es gibt eine magische Leichtigkeit, eine unprätentiöse Geschwindigkeit und Elastizität, die Nils Wogram und Hayden Chisholm in den eng gesetzten oder synchronen, dynamisch feinsinnigen Phrasierungen ihrer Themen und ihrer solistischen Linien voller Melos kreiert haben, in denen sich sophistication und mikrotonale Raffinesse auf engstem Zeit-Raum verbinden.

Auf den ersten Hör-Blick herrscht im Quartett eine durchaus konventionelle Rollenverteilung zwischen den beiden Bläsern der front line und den beiden von der rhythm section. Darin wird auch die gemeinsame Verwurzelung in der Jazz-Tradition deutlich.

Auf den zweiten Blick geschieht hier viel mehr und etwas ganz anderes. Neue Musik und Jazz löten sich zu intensiven, einzigartig pointierten Verbindungen zusammen, komplexe Rhythmik gleitet stolperfrei dahin. In allem, was die Band spielt, ist eine bezwingende Virtuosität hörbar und eine Musikalität, die beim Virtuosentum nicht verweilt, sondern es nutzt, um emotional ausgeprägte Momente zu formen. All die kompositorischen und artikulatorischen Abstraktionen sind eingebunden in einen beredten Spielprozess aus flüssig und intensiv sich entfaltenden Klangereignissen.

Die acht Alben dokumentieren eine Entwicklung, die das Moment von Kontinuität genauso enthält wie ein rastloses Forschen, das sich immer wieder aus gefügten Kontexten löst. Bei all dem ist die Band, trotz der unbestrittenen Bandleaderschaft von Nils Wogram, ein dichtes, kollektives Gebilde geblieben.

Der schöne Foto-Essay zur Geschichte zeigt die über zwei Jahrzehnte sich erstreckende gemeinsame Existenz von vier Individuen, die sich aufeinander einlassen, ohne hintereinander zu verschwinden. Die übermütig sind und neugierig und ohne Attitüden und nie abweisend und unnahbar. Deren zusammengeschweißte künstlerische Statur so groß ist, dass darin jeder tun kann, was er will – musikalisch und privat: Wohnortwechsel, eigene Projekte, Professuren, Ausflüge in andere Kunst-Sparten, was auch immer. Bisher hat nichts den Gruppen-Zusammenhang grundsätzlich in Frage gestellt. Irgendwann, nachdem sehr viel geschehen ist, trifft sich die Band wieder und ist froh darüber. Und – one, two, one-two-three-four – Nils zählt ein.

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