Jazz im Palmengarten

Posaune und Orgel lassen hellhörig werden

  • vonHans-Jürgen Linke
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Die Essenz: Nils Wograms Nostalgia Trio beschließt die Saison des Jazz im Palmengarten.

In den ersten Jahrzehnten des Jazz im Palmengarten, während der Ära Heinz Werner Wunderlich, gehörte ein Auftritt von Albert Mangelsdorff mit einer Besetzung eigener Wahl zu den festen Programmpunkten eines jeden Konzertsommers.

Beim letzten Konzert der in diesem Jahr arg gerupften Palmengarten-Serie der Frankfurter Jazzinitiative war am Donnerstag Nils Wogram an der Posaune zu hören, und seine Spieltechnik, seine Tonbildung und sein Zugang zum Jazz erinnern manchmal an Mangelsdorff – ohne dass Wogram solche Reminiszenzen vor sich her trüge. Seine Stilzitate beschränken sich auf prägnante Phrasen, und er hat einfach eine sehr lebendige Art des Zugangs zur und des Arbeitens mit Jazz-Geschichte; da ist es logisch, dass er als Posaunist von den Besten der Branche beeinflusst ist, zu denen er inzwischen selbst gehört.

Aber vielleicht hängt es vor allem mit der Magie des Ortes zusammen, dass man als Konzertbesucher im Altersdurchschnitt des Palmengarten-Publikums bei multiphonischen Posaunenklängen und dieser kraftvoll und zugleich sanft konturierten Tonbildung an Mangelsdorff erinnert wird.

Wimmerndes Ungetüm

Und dann ist da die Orgel: Eine Hammond-Orgel besteht aus einem guten Kubikmeter schwerer elektrischer (also vor-elektronischer) Technik. Es ist konsequent, dass sich ein Jazz-Trio, das so ein wimmerndes, flirrendes Ungetüm integriert, „Nostalgia“ nennt. Ausgangspunkt dieses Trios war vor über anderthalb Jahrzehnten die Idee, den Bebop als Wurzelballen des modernen Jazz zu würdigen. Dejan Terzic war von Anfang an Schlagzeuger des Trios, vor fünf Jahren kam Keyboarder Arno Krijger für Florian Ross.

„Nostalgia“ folgt keinem Originalklang-Kult. Das Trio hat einen eigenständigen Stil entwickelt, der gleichermaßen geschichtsbewusst wie zeitgenössisch ist und wunderbar zu der Idee von Open-Air-Jazz passt. Zu intensiven Grooves, die Dejan Terzic klangreich, raffiniert und ziemlich komplex ausgestaltet, fügt sich eine zugängliche melodische Motivarbeit. Thematisches Material wird zuweilen parallel oder unisono von Orgel und Posaune gespielt, die überaus hellhörig und feinsinnig begleiteten Soli arbeiten mit klassisch zugespitzten Dramaturgien, mit nostalgischem Orgelgekreische oder mit klanglichen Finessen und warmen, erzählerisch angelegten melodischen Bögen des Posaunisten. Es ist eine große Freude, dieser Musik zuzuhören, ihren Ideen zu folgen und ihren wechselnden Haltungen und der freundlich humorvollen Intelligenz ihrer Wendungen.

Die Stücke des Abends stammen von dem 2019 auf Wograms eigenem Label erschienenen Album „Things We Like To Hear“. Das Titelstück ist eine epische Ballade, und aus jedem Stück lugt eine Spielfreude, die von dem Spaß dreier Bühnenmusiker gespeist ist, die nach Monaten des Wartens wieder vor Publikum spielen können. Denn live zu spielen, sagt Nils Wogram, ist die Essenz des Jazz.

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