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Nils Wogram.

Nils Wogram

Nils Wogram „Bright Lights“: Mitten in einem hellen Licht

  • vonHans-Jürgen Linke
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Posaune in Reinform: Nils Wogram legt das Soloalbum „Bright Lights“ vor.

Nils Wogram hat, wie er erzählt, schon als Jugendlicher auf der Posaune Stücke von Albert Mangelsdorff gespielt und sich auch mit den so genannten multiphonics bekannt gemacht, einer Spieltechnik, die Mangelsdorff in den frühen 1970er Jahren entwickelt und in einer Serie von Solo-Programmen zu seinem Markenzeichen gemacht hatte.

Mittlerweile gehört Nils Wogram längst selbst zu den stilprägenden Posaunisten und herausragenden Musikern des zeitgenössischen Jazz, und die Idee eines Programms für Posaune solo lag durchaus nicht allzu fern. Der Lockdown im europäischen Musikbetrieb, all die Monate ohne Tournee und Konzerte, haben viel Zeit frei werden lassen, um dieses Projekt umzusetzen. Und so gibt es nun ein erstes Solo-Album des Posaunisten Nils Wogram.

Im Laufe seiner Karriere hat er sich mit einer Vielzahl von Stilistiken, Spieltechniken und Kompositionsweisen befasst, hat unter anderem mit Mehrstimmigkeit, Kehlkopf-Obertongesang und Mikrotonalität gearbeitet, aber einen auf den ersten Ton wiedererkennbaren, eingeengten Personalstil hat er aus all dem nicht destilliert, sondern sich eine weiträumige Offenheit erhalten. Seine erste Solo-Einspielung trägt den Titel „Bright Lights“ und ist weder ein experimentelles Geräusch- und Effekt-Werk geworden noch ein Häppchen-Tableau voller technischer Bravourstücke. Nils Wogram ist bei all seinen experimentellen Bewegungen doch immer auf Tuchfühlung mit der Jazz-Tradition geblieben und hat seine Vorliebe für Melodien nie aufgegeben.

Das Album:

Nils Wogram: Bright Lights. nWog Records/ Vertrieb: Edel.

„Bright Lights“ ist ein durch und durch konsistent gearbeitetes, an klassischen Song-Strukturen orientiertes Album. Die Tonbildung ist eher sanft als schneidend, die Phrasierungen flüssig, durchaus auch kraftvoll und voller schöner Einfälle; wer will, kann auch einige der großen Vorbilder heraushören. Geräuschhaftigkeiten und stilistische Extravaganzen gibt es am Rande, aber nicht im Zentrum der Musik. Ein einziges Stück („Jammin“) kommt, indem es in seiner spielerischen Struktur dem Modell einer Jam-Session folgt, formal offener daher.

Konservativ? Das ist Absicht

So wirkt das Album insgesamt fast ein wenig konservativ. Und genau das hat Nils Wogram beabsichtigt. Sein Anliegen ist nicht ein Sortiment von virtuosen Glanzstücken, sondern etwas, was er „die Posaune in Reinform“ nennt. Das Eröffnungs-Stück, „Lullaby Part I“, ist auf eine geradezu magnetische Weise klassisch-schön und melodisch, mit schlanker, eleganter Tonbildung, präzisen Glissandi und feinsinnigen Vibrato-Stellen. „Ein bisschen wie Jimmy Knepper“, sagt er. Das letzte Stück des Albums heißt „Lullaby Part II“ und schließt den Zyklus dieser sanglichen Kompositionen angemessen ab.

Die Musik zwischen diesen beiden Stücken steckt voller Feinheiten im Detail, voller Stilzitate, die in melodischen Wendungen aufscheinen, und zeigt einen Musiker, der mit beiden Beinen und mit souveränem Überblick in der Jazzgeschichte steht.

Ein Rückschritt? Keineswegs. Die Musik verleugnet, vermeidet nichts und ist enorm reichhaltig. Sie weist in überraschenden Details über sich selbst hinaus und zeigt Möglichkeiten auf, die nicht immer ausgeführt werden. „Bright Lights“ verhält sich nicht raumgreifend und grenzüberschreitend. Es ist eher ein Album der Selbstreflexion und Selbstverortung: Ein großer Jazzmusiker nimmt sich die Freiheit, ohne falsche Bescheidenheit seinen musikgeschichtlichen Ort zu markieren. Mitten in einem hellen Licht.

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