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Nils Frahm in der Alten Oper: Möwenschrei im Maschinenraum

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Von: Volker Schmidt

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Nils Frahm, eingebaut, aber fröhlich.
Nils Frahm, eingebaut, aber fröhlich. © Imago

Nils Frahms dichtes Klanggewebe in der Alten Oper

Musst halt was kiffen vorher.“ Hätten wir den Rat befolgen sollen? Aber noch ist Bubatz illegal, also gehen wir unhigh in die Alte Oper zu Nils Frahm.

Der Pianist zieht nasse Handschuhe an; das Konzert beginnt an der Glasharmonika. Frahm holt ätherische bis sakrale Töne aus dem idyllisch illuminierten rotierenden Zylinder aus unterschiedlich großen Glasscheiben. Nicht diesen stillen Momenten hätte vorheriger Cannabiskonsum womöglich gedient. Auch nicht, wenn er sie an seinen anderen Instrumenten erzeugt, Klavier, Synthesizer, Harmonium, Fender Rhodes.

Vor Konzertbeginn fotografieren Frahm-Nerds den großen Aufbau aus Klaviaturen, Konsolen und Karteischubladenschrank. Der dient soweit ersichtlich schlicht als Keyboardständer, trägt aber zum Gesamteindruck bei: viel Holz, Kabelstränge, kein Computer. Vielleicht ließe sich ein ähnlicher Abend auch auf einen Tablet gestalten. Doch es herrscht das Analoge in dieser Klanginstallation, die Frahm einmal seinen „Maschinenraum“ nennt.

Wenn Nils Frahm den Klängen Raum gibt, ihnen nachlauscht, Akkorde behutsam in Spannung setzt, dann taugt das trotz meditativer Momente nicht zur akustischen Auslegware für das Nordendyogastudio. Dafür sind die musikalischen Ideen zu prall, jagen einander auch in Frahms Ausflügen in jazzpianistische Gefilde, oft perkussiv, manchmal melodisch. Als Solist am Klavier hat er seine Karriere begonnen, sie dann auf das Clavier im Bachschen Sinne als Sammelbegriff für alle Tasteninstrumente sowie auf diverse andere Klangerzeuger (Xylophon, Tongue Drum, Kalimba) erweitert.

„Music für Animals“ heißt sein neues Album. Er lässt das Publikum in der Alten Oper Tiergeräusche produzieren, lenkt die anfängliche Kakophonie aus Hundegebell und Kuhgemuh mit wenigen Worten vom Bauernhof in eine Hollywood-Sommernacht-Kussszene. Plötzlich zwitschert und zirpt es, Frahm lässt sparsam das Glas der Harmonika klirren, zeichnet all das auf und nimmt den Loop zur Grundlage des nächsten Songs.

Aus der Ruhe kommt die Kraft: Klanggebäude von geradezu beängstigenden Ausmaßen legen sich Schicht um Schicht über Sequenzertuckern und geloopte Akkorde, als föchten Tangerine Dream und Klaus Schulze auf schlechtem Acid ein Duell auf Leben und Tod. Wenn Frahm wie eine epileptische Heuschrecke zwischen den Manualen zappelt, mit Handschlenkern Filtereffekte verschiebt, auf Knopfdruck Geräte kreischen lässt: Dann hülfe womöglich THC, das dichte Gewebe zu durchdringen. Film und Live-Album von 2020 heißen nicht umsonst „Tripping with Nils Frahm“.

Auf unbedröhnte Synapsen wirkt manches befremdlich: Warum lässt er denn jetzt schon wieder diesen Chorklang tönen, mischt diese irgendwie maritim, nach Möwenschrei und Nebelhorn (Frahm ist gebürtiger Hamburger, sein Studio ist im Berliner Funkhaus) klingenden Sounds unter? Die hatten wir doch schon im vorigen Song?

Lange vor Schluss kündigt Frahm an, er werde sich um Zugaben nicht lang bitten lassen. Er geht kurz raus, kehrt mit einem Glas Wein in der Hand zurück, spielt weiter. Nach runden zwei Stunden ist zu Applaus im Stehen Feierabend im Maschinenraum.

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