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Nikki Lane: „Denim & Diamonds“ – Durch den Nebel auf der Landstraße

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Von: Olaf Velte

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Nikki Lane.
Nikki Lane. © Jody Domingue Studios

Mit „Denim & Diamonds“ strebt Nikki Lane ins Rock-Paradies und hilft uns durch den Morgen.

Morgens um 5 lassen sich mit dieser Platte gute Erfahrungen machen. Die zehn Lieder bringen dich sicher durch Nebelvorhänge und über einsame Provinzstraßen, grundieren die von seltsamen Gespinsten durchwirkte Müdigkeit des frühen Automobilisten. Bei Tageslicht besehen bleibt ein solides, auf altbewährten Country-Rock-Fundamenten gegründetes Album. „Denim & Diamonds“ ist die vierte Veröffentlichung von Nikki Lane – keine Sensation, kein Desaster.

Von der eigenen Ruhmsucht überfordert ist die mittlerweile 39-jährige South-Carolina-Lady nach ihrer Selbstkrönung zur „Highway Queen“ (die so betitelte LP stammt von 2017) in das Tal der Tränen abgebogen. Solokunst sollte keine Option mehr sein, Gastauftritte waren erlaubt, ein bisschen Tingel hier und Tangel da. Immerhin gibt es in Nashville jenen den Unterhalt sichernden „High Class Hillbilly“-Kleiderladen – eine Reminiszenz an frühere Lane’sche Modeambitionen.

Vintage-Sortiment und Beratungsgeplauder haben nicht mehr genügt. Fadenscheinige Drillichhosen mussten dann doch mit Schmucksteinen veredelt werden. Und ein Desert-Rock-Saufaus vom Schlage Josh Homme hatte schließlich die Studiotür aufzustoßen: Im Beisein einiger „Queens of the Stone Age“-Leute, des Pedal-Steel-Mannes Matt Pynn und besonders der wundervollen Schlagzeugerin Carla Azar bekam Lane einen neuen Sound-Overall über die Schultern geworfen.

Kindheit im Kirchenchor

Das Country-Bewusstsein hat die Tochter eines Bauarbeiters nicht verlassen, immer wieder kommt es während der 33 Minuten Laufzeit zu Anklängen. Doch weist der Kompass unweigerlich in den Landstrich von Rock & Pop. Dorthin, wo ein Song wie „Good Enough“ sich sogar an Fleetwood Macs Epochenschmeichler „Rumours“ anlehnen darf. „Faded“, „Pass It Down“, „Chimayo“ sind der reine Schmelz. Rückbesinnung, Selbstvergewisserung sind die Themen von „Denim & Diamonds“ – dabei einer Mystifizierung des sich aus einfachen Baptisten-Verhältnissen (eine Kindheit im Kirchenchor!) entwindenden Mädchens nicht widerstehend.

Das Album

Nikki Lane: Denim & Diamonds. New West Records / Bertus.

Klar, dass Nikki Lane mit einer Stimme, die in ihrer verraucht-verruchten, auch süßlichen Tönung einzigartig ist, dem „Born Tough“, dem „Try Harder“ ihren vollen Respekt gewährt. „Things are different now / it just don’t feel the same / when they call me by my old name.“ Den letzten Akt der Verwandlung erfährt die „full metal woman“ im groß besetzten Rock’nRoll-Szenario von „Black Widow“, wo das Wahnhafte nur ein Gitarrenlick entfernt ist. Sagenhaft, irgendwie.

Wo ist er, der erste Kuss?

Was diesen Tonträger im Gedächtnis festhämmert, sind die beiden Eröffnungsstücke. Mit „First High“ ist gleich der Gipfel erklommen. Vor dem Stützwerk von Carla Azars Drum-Delikatesse entfaltet sich eine Hochenergieballade, die in die „old days of 94“ mitnimmt und nicht ohne Grund „goddamn Springsteen“ anruft. Lane fahndet noch einmal nach dem ersten Kuss, den ersten Punks, dem ersten Traum. Musikalisch funktioniert das bestens.

Wie auch im darauffolgenden Titelsong, dessen Oldschool-Anmutung in eine Südstaatendämmerung entschwinden darf. Wie schon gesagt: nichts Neues unter der Sonne, aber ausreichend gute Rockmusik. Für die Nächte, die noch kommen, die einsamen, nebligen Landstraßen, die Suche nach Erweckung. „Sometimes I think that I should take a ride / hundred miles an hour with no headlights.“

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