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Night of the Proms: Bombast-Pop mit Gefangenenchor

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Von: Volker Schmidt

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Sängerin Carol Decker von T‘Pau bei der Night of the Proms.
Sängerin Carol Decker von T‘Pau bei der Night of the Proms. © Imago

Night of the Proms ist zurück in der Frankfurter Festhalle.

John Miles fehlt. Der Multiinstrumentalist und sträflich unterschätzte Vokalist stand fast jedes Jahr auf der Bühne der Night-of-the-Proms-Konzerte, seit das Format 1985 in Belgien erfunden wurde. Er ist 2021 während der zweijährigen Corona-Zwangspause der Reihe mit 72 Jahren gestorben. Wie in der Festhalle an ihn erinnert wird, ist symptomatisch für die Gratwanderung der Night of the Proms – für Fans: NotP – zwischen Größe und Klischee: Zunächst ertönt sein Timbre aus der Konserve mit „My Way“, gespielt von der NotP-Band und dem Orchester Antwerp Philharmonic, dirigiert von Alexandra Arrieche. Ein Scheinwerfer erhellt das leere Mikro – schlicht, berührend.

Mit pompösem Flügel

Dann wächst ein weißer Flügel aus dem Bühnenboden, und John Miles Junior, den allein auszeichnet, der Sohn des Verstorbenen zu sein, hämmert „Music Was My First Love“ in die Tasten, spielt wenige Takte Gitarre. An den Vocals vergreift er sich nicht; die übernimmt der Background-Chor.

Das „Proms“ in NotP kommt nicht von günstigen „Promenadenplätzen“ wie beim Londoner Vorbild; es geht wohl eher um die „Prom“-inenz der Gastmusiker, eingestreut zwischen Klassikradio-Schlager: Ungarischer Tanz und Blaue Donau, Ouvertüre aus „Diebischer Elster“ samt Klamauk am Schlagwerk, Offenbachs Barcarole zum Mitsummen und der Gefangenenchor aus „Nabucco“.

Diesmal dabei: Matt Simons, Singer-Songwriter aus den USA; dank der Verwendung seines Songs „With You“ in der Seifenoper „Goede tijden, slechte tijden“ erst in den Niederlanden, 2015 mit „Catch & Release“ auch in Belgien, Frankreich und Deutschland bekannt geworden. Carol Decker, die Stimme von T’Pau, die stolz erzählt, dass sie 1987 ein paar Wochen lang „größer als die Beatles“ war, weil sie in den Charts vor George Harrison und Paul McCartney stand. Der Bombast-Pop von „Heart and Soul“ und „China In Your Hands“ passt zum großen Orchester und dem Chor „Fine Fleur“. Die charmant-quirlige Saxophonistin YolanDa Brown mit Soli in Stücken anderer und einem angejazzten Reggae-Soul-Block. Und Amy Macdonald mit breitem schottischem Akzent und dem Lied, das ihrer Ansage nach nur jene nicht kennen, die 15 Jahre in einer Höhle verbracht haben: „This Is the Life“:

Moderator Markus Othmer verteilt Seitenhiebe auf Fußball-WM (er trägt Regenbogen-Armbinde) und Pandemie und verbreitet viel heile Welt. Einmal, ganz kurz, bricht die Realität herein: „Kein Krieg“ steht auf russisch auf der Leinwand – allerdings nicht über einer ukrainischen, sondern über einer russischen Flagge. Geht’s noch?

Nach der Pause: Nik Kershaw; es wird getanzt zu „Wouldn’t It Be Good“ und „I Won’t Let the Sun Go Down On Me“. Dann setzt Kool & The Gang einen drauf, also Robert „Kool“ Bell am Bass, George Brown an Keyboards und Saxophon und ein paar jüngere Herren drumrum. „Cherish the Night“, „Ladies’ Night“ und – mit allen Stars des Abends auf der Bühne – „Celebration“. Die Festhalle ist eine Diskokugel.

Nach dem Schlussakkord läuft der Vorverkauf für 2023 an. John Miles, sagt Moderator Othmer, war auch hinter den Kulissen der Show wichtig. Vielleicht war es ihm zu verdanken, dass das Räderwerk früherer NotP-Abende nicht ganz so penetrant nach dem Öl der Verwertungsmaschinerie roch. Er fehlt.

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