Josts "Arabische Nacht"

Nicht im Traum

Warum machen Operkomponisten in der Regel einen Bogen um zeitgenössische Stoffe? Immerhin der aus Trier stammende Christian Jost ist bei der Libretto-Wahl im

Von GUIDO FISCHER

Warum machen Operkomponisten in der Regel einen Bogen um zeitgenössische Stoffe? Immerhin der aus Trier stammende Christian Jost ist bei der Libretto-Wahl im 21. Jahrhundert gelandet: "Eine arabische Nacht" hat sich das aktuelle Stück des deutschen Erfolgsdramatikers Roland Schimmelpfennig ausgesucht für eine Kammeroper, die im koproduzierenden Auftrag der Essener Aalto-Oper und des Grillo-Theaters entstand und nun in der Regie des Schauspiel-Intendanten Anselm Weber uraufgeführt wurde. Ein ähnlicher Selbstläufer wie die Vorlage wird Josts Adaption wohl nicht werden. In dem großstädtischen Sommernachtstraum hat das neo-expressionistische Klangarsenal mit Flatterzungen, hyperaktiven Rhythmuswellen und manisch glühendem Melos in den Singstimmen schnell sein Pulver verschossen.

Jost Ideenlosigkeit anzukreiden, wäre dennoch verfehlt. Er hält sich in dem von ihm eingerichteten Libretto nah an Schimmelpfennigs Hausgemeinschaft, die vom tristen Alltag in eine orientalische Traumwelt gleitet. Entlang an ausufernden Monologen, die sich zu polyphonen Lamenti über verpasste Chancen und handfeste Sehnsüchte verbünden, wirkt Schimmelpfennigs Neo-Realismus aber selbst in der eingedampften Opern-Fassung langatmig.

Anselm Weber tut nur das Nötigste, um das Treiben in Schwung zu halten. Auf der zweistöckigen Flur-Bühne herrscht ständiges Kommen und Gehen, bis WG-Mitbewohnerin Franziska sich in ein arabisches Dornröschen verwandelt. Aber auch wenn in surrealen Zeitschleifen sexuelle Obsessionen und verschüttete Erinnerungen aufblühen, ist das weder burlesk noch geheimnisvoll. Dirigent Stefan Soltesz, die auf Kammerensemble-Format reduzierten Essener Philharmoniker sowie ein Sängerteam, das mit fesselnder Gereiztheit auftrumpfte, erwiesen sich als Rettungsanker.

Theater Essen, 2., 4., 24. Mai,

8., 12., 22., 27. Juni.

www.theater-essen.de

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