„Can’t Touch Us Now“ von Madness

Nicht mehr Feuerwerk, eher Kamin

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Ohne Polonaise: Das neue Album „Can’t Touch Us Now“ der reifen Herren von Madness ist schön, aber nicht mehr direkt verrückt. Ob das für die Hitparaden reicht?

Als Anfang September der Musiker Prince Buster in Miami 78-jährig starb, war es, als sei der Generationenwechsel jetzt endgültig vollzogen. Buster, der Jamaikaner, ein Urvater des Ska, gibt ab an die verrückte Bande, an die wilden Boys, an seine britischen Jünger – an Madness.

Die Sache ist aber so: Auch die verrückte Bande ist nicht mehr die allerjüngste. Sänger Suggs McPherson und Bassist Mark Bedford sind 55, Gitarrist Chris Foreman ist 60, Trompeter Chas Smash ist gar nicht mehr dabei – das alles hört man dem neuen Album „Can’t Touch Us Now“ an. Es ist schön, aber es ist nicht mehr direkt verrückt. Es klingt deutlich erwachsener als das, was man von Madness so im Kopf hat.

Beziehungsweise von Prince Buster. Er war es schließlich, der das alles erst auf den Weg brachte. Von Buster stammt das Lied „Madness“, das den Londoner Nachfahren nicht nur den Namen gab, das sie auch sehr erfolgreich nachspielten, ebenso wie Busters Song „One Step Beyond“.

Ein wahnsinniges Vergnügen, sich die verschiedenen Videoclips anzusehen, die es dazu im Internet gibt: des Prinzen 1964er Version, unterlegt mit ägyptischen Tänzen in Schwarzweiß, und natürlich Madness 1979, ein wuseliges Durcheinander, eine irre Polonaise durch Camden Town im Ska-Rhythmus. One step beyond eben: immer einen Schritt weiter, alle zusammen.

Madness schaffte es damals, die ersten zwanzig Singles in den Top Twenty der britischen Charts zu platzieren. Das gelang nicht einmal den Beatles. Nummer 1 waren sie aber nur ein einziges Mal mit „House Of Fun“ 1982. Spätere Hits wie „Our House“ oder „Tomorrow’s Just Another Day“ konnten nicht mithalten – die beiden einzigen übrigens, die es nennenswert in die deutschen Hitparaden schafften.

Ob das neue Album ganz nach oben springt? Kaum. Die vorab veröffentlichte Single „Mr. Apples“ ist noch nicht größer auffällig geworden. Sie beschreibt den biederen, frommen Bürger, der nachts zum bösen Jungen wird; eine Art Mister Hyde, bestätigte Suggs unlängst in der „Late Show“ bei Jools Holland. Da standen reife Herren auf der Bühne. Mit Sonnenbrille. Selbstverständlich.

Die 16 Lieder hat die Band in nur drei Wochen mit ihrem Langzeit-Begleiter Clive Langer produziert. Darunter eine schöne Erinnerung an die seit fünf Jahren tote Amy Winehouse: „The voice of fallen angels / Lost lovers in the night / Only fallen angels sing / Blackbird on the wing.“ Das Album braucht ein bisschen Zeit, um seinen Charme zu entwickeln, die Songs springen einen nicht mehr sofort an wie die frühen Hymnen, „My Girl“ oder das unsterbliche „Grey Day“. Aber es lohnt sich, dranzubleiben – nach einigen Runden sind die reifen Herren beim Zuhörer angekommen, und mein Gott, sind die immer noch britisch. Eine der britischsten Bands der Popgeschichte.

2012 war Madness bei der Olympia-Schlussfeier in London dabei. Damals ging die olympische Flamme aus, nachdem sie „Our House“ gespielt hatten. In der Band aber lodert es weiter, es ist halt inzwischen nicht mehr das Feuerwerk, eher der Kamin.

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