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Rudolf Buchbinder in der Alten Oper. Ansgar Klostermann/Proarte

Beethoven

Nicht gepresst, sondern geformt

  • vonBernhard Uske
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Auf dem Teppich: Rudolf Buchbinder spielt Beethovens Klavier-Dreigestirn in der Alten Oper Frankfurt.

Das populäre Dreigestirn im Klavierschaffen Ludwig van Beethovens sind die mit ihren Beinamen nahezu im kollektiven Unterbewusstsein heimischen „Mondschein-Sonate“, „Appassionata“ sowie „Pathétique“, wobei der letzte Titel tatsächlich vom Komponisten stammt. Ein bis dato nicht ausgeforschter Tatbestand, der aber vielleicht auch nur beiläufig ist, sind doch eigentlich alle Schöpfungen des diesjährigen Jubilars pathetische, also leidenschaftliche, ausdrucksvolle, mitleiden machende Formulierungen. Das Format für ein selbstherrliches Künstler-Subjekt, das andere ergreifen will.

Die jagenden, dreinspringenden, ausbrechenden und tief absinkenden Satzverläufe mit ihren oft rhetorischen Motivkernen ermöglichen ein breites Interpretenspektrum von empfindsamster bis brutaler Diktion mit allen möglichen Zwischenlagen. Und für alle gibt es in der Epoche der solistischen Ikonen irgendeinen Experten. Wer sich an eine Notenlektüre ohne Lupen oder Weitsichtfunktion hält und dafür eventuell den Preis des Ungenialischen zu zahlen hat, kann da beinahe einen solitären Rang einnehmen.

Rudolf Buchbinder gehört zu der Gruppe von Pianisten, die tektonischen und agogischen Überzeichnungen gleich welcher Richtung fern stehen. Mehr Formdruck als Ausdruckspressung herrschte denn auch im Großen Saal der Alten Oper, wo der 73-Jährige im Pro-Arte-Konzert auftrat. Ein Beethoven-Spiel, das gleichsam auf dem Teppich bleibt und Extravaganz meidet, also die Darstellung der Satzbildung nicht stört. Exzentrizitätsverzicht beim Pianisten und Exzentrizitätseinbindung beim Komponisten in seine eigene Form. Das bedeutete: der Komponist fällt nicht so stark aus der Tradition eines Haydn und eines Mozart.

Lakonische Haltung

Einschneidend bleibt dabei trotz allem Beethovens Art einer sich ausstellenden Behauptungsaktivität, was die dauerrollenden und kaskadenhaften Satzteile so markant und hinreißend macht. Gerade sie sind in allen drei Sonaten bestens vertreten. Dafür bot Buchbinder eine lakonische Haltung und eine Bauform, in der sich die Subjektivismen der Beethovenschen Sprache weniger exterritorial und unvermittelt verhielten. Angleichungen von Innen und Außen, Balance zwischen Besonderheit und allgemeiner Tongestaltung: das ließ dieses pausenlos gegebene Programm wie ein einziges Band von Klanglichkeit im Nu vergehen.

Dynamisch bewegte sich das meiste im Mittelbereich bei hell und kristallin getrimmtem Flügel. Daran der Pianist nicht als ein akustischer Stimmungs-Designer und Atmosphären-Schöpfer. Alle Eingriffe, Interventionen, Wechsel des Habitus in den Kompositionen: die Formkraft beherrschte die Erfindungsstärke. Und das Empfinden, an welchem dem Komponisten als Erfahrung seiner Zuhörer so viel lag, war die drastisch sich verwirklichende Könnerschaft eines komponierenden Genies, die auf alle ausstrahlen sollte.

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