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Marika Hackman, die Wandlungsfähige. 

Neue CDs

Neues von Marika Hackman, Sleater-Kinney und Shakespears Sister – Ordentlich um die Ohren

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Tolle Alben von Marika Hackman und Sleater-Kinney, eine famose Reunion von Shakespears Sister.

Sie macht, was sie will:  Mit dem Ruf einer englischen Folk-Elfe und einem Album, das „We Slept At Last“ betitelt war, hat Marika Hackman angefangen. Das war 2015 und schon damals nicht die ganze Geschichte. Im Zusammenhang mit Album Nummer zwei, „I’m Not Your Man“ (ein kleines Zwinkern Richtung Leonard Cohen?) tauchte bereits das Wort „kühn“ auf. Marika Hackman zeige ihre Zähne und ihren dunklen Humor. Jetzt, auf „Any Human Friend“, gibt es zwar einen leicht verträumten, schlendernden, gitarrezupfenden Start („Wanderlust“), aber dann rasch aufleuchtenden Pop. Dessen Schöpferin entschuldigt sich für kein Losbratzen und keine Synthie-Fülle, bietet gleichzeitig üppige wie verblüffend leichtfüßige Verläufe. 

Marika Hackman: Any Human Friend.

In der Musik höre man nicht viel über Sex zwischen Frauen, sagte Marika Hackman in einem Interview zu ihrem neuen Album – und wenn, dann aus männlicher Perspektive: „Ich dachte, ich hole mir ein Stück von dieser Kraft zurück.“ So sind die Texte manchmal explizit („Hand Solo“), aber auch zart. Manchmal ein bisschen bitter, aber auch ironisch. Sie erzählen von Selbstbewusstsein, Trotz und Einsamkeit, von rohem Begehren und Verlassenwerden. „I’m not the one you want / I fucked it up with the saddest songs.“ Mädchenhaft und dann wieder sinnlich ist die Stimme Hackmans, sie überrascht mit Wandlungsfähigkeit. Auch als Heterofrau kann man dieses Album sexy finden, pfiffig und musikalisch prächtig sowieso. Und allemal lustig Zeilen wie „under patriarchal law, I’m gonna die a virgin“. Man wippt und hüpft dazu, aber man wippt hier nie unter Niveau.

Sie stritten, und sie vertragen sich 

Und wenn auch nur die beiden neuen Songs „C U Next Tuesday“, ein Bluesrock-Feger, und „All The Queen’s Horses“, ein herrlicher Countryrock-Spaß, bleiben sollten: Die Wiedervereinigung des Duos Shakespears Sister nach 26 Jahren (eisigen?) Schweigens wäre es schon wert. Shakespears Sister, das waren Siobhan Fahey (vorher Bananarama) und Marcella Detroit und einige tolle, gestandene Hits, „Hello (Turn Your Radio On)“ oder „Stay“ zum Beispiel. Dann, 1993, sollten die Sisters einen Preis für das Album „Hormonally Yours“ entgegennehmen – auf der Bühne, in aller Öffentlichkeit wünschte Siobhan Fahey mit einem Donnerschlag Marcella Detroit „alles Gute für die Zukunft“. Im vergangenen Dezember, so heißt es nun, näherte man sich zuerst bei einem Kaffee wieder einander an. 

Shakespears Sister: Singles Party.

Fahey und Detroit nehmen zwei neue, großartige Songs auf, auch ein Video im Joshua-Tree-Nationalpark. Wie zwei Katzen gehen die beiden da aufeinander los, am Ende aber Hand in Hand in die Wüste und den schwarz-weißen Sonnenuntergang. Weil aber zwei neue großartige Songs nicht für ein ganzes Album reichen, erscheint die „Singles Party“, ein Best-of. In der Deluxe-Version auch als Doppel-CD. Wiederhören macht bei Shakespears Sister garantiert Freude.

Sie zeigen noch mal, was eine Harke ist 

Eine andere Art von Wumms, aber mindestens so viel Wumms wie Marika Hackman haben Sleater-Kinney, das sind Carrie Brownstein, Corin Tucker und (fürs Album noch) Schlagzeugerin Janet Weiss. Sie sind allemal weit dunkler, ungefälliger. An den Ecken dieser Musik kann man sich schneiden. Auch besitzt das Album „The Center Won’t Hold“, produziert von St. Vincents Annie Clark, grimmige Dringlichkeit, eine Dringlichkeit und latente Verzweiflung, die direkt in den Bauch zielt. 

Sleater-Kinney: The Center Won’t Hold.

„Reach out and touch me“, singt Corin Tucker in „Reach Out“: „I’m stuck on the edge / Reach out, the darkness is winning again“. Und dann erstirbt die E-Gitarre in Quietschen und Wimmern. Wut steckt in diesem Album, aber auch musikalische Risikobereitschaft sowie spielerische Abgebrühtheit. Sleater-Kinney haben eine markante Geschichte, nie haben sie geklungen wie eine andere Band. Lässig haben sie sich einst, 1994, bloß nach einer Schnellstraßenabfahrt benannt, denn nahe dieser Abfahrt Nr. 108 in Lacey, Washington, lag einer ihrer Probenräume. Immer waren sie politisch, sind es heute, da die USA sich selbst zu zerstören drohen, umso mehr. Und das meint nicht nur die Texte, es kann auch politisch sein, der Hörerin immer mal die Musik regelrecht um die Ohren zu hauen. „The Center Won’t Hold“ soll nun aber leider die letzte Großtat von Brownstein, Tucker, Weiss sein, die furiose Schlagzeugerin, so gab sie kürzlich bekannt, will aufhören.

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