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Mit „The Bridge“ bringt Sting sein fünfzehntes Studioalbum heraus.
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Mit „The Bridge“ bringt Sting sein fünfzehntes Studioalbum heraus.

Musik

Rock-Legende Sting: „Der Brexit war keine gute Idee“

  • VonDagmar Leischow
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Ein Interview mit Musiker Sting über die Übergangsphasen der Pandemie, authentische Liebeslieder und alte Männer in der Politik.

Sting, wie hat sich Ihr erster Auftritt nach dem Lockdown angefühlt?

Großartig. Ich gab bei einem Jazzfestival in Frankreich in einem alten Amphitheater ein Konzert. Im Publikum saßen 7000 Menschen, allerdings mit viel Abstand voneinander. Als ich auf die Bühne kam, dachte ich: Wow, jetzt kehre ich in mein Wohnzimmer zurück. Hinter mir befand sich mein Schlagzeuger, mein Gitarrist stand neben mir. Plötzlich war alles so wie früher, das vertraute Gefühl kam ziemlich schnell zurück. Das war nicht nur für mich und meine Band ein wunderschöner Moment, sondern auch für das Publikum. Ich spürte, wie gut es den Leuten tat, endlich wieder Musik genießen zu können.

Wie sind Sie vor dieser Show mit all den Einschränkungen, die die Corona-Krise mit sich gebracht hat, zurechtgekommen?

Eigentlich ohne größere Probleme. Ich verbrachte die Lockdowns in meinem Haus in England, wo ich ein eigenes Studio habe. Dorthin zog ich mich gleich morgens zurück. Bis zum Abendessen schaute ich einfach, was passierte. Beim Songschreiben ist es ein bisschen so wie beim Angeln – manchmal wirft man die Leine aus und fängt nichts. Das kann durchaus ein paar Tage lang so sein. Denn Kreativität kann man nicht erzwingen.

Wie sehr haben Sie während dieser Phase das Reisen vermisst?

Ich fand es gar nicht so schlecht, mal jede Nacht im selben Bett schlafen zu können. Außerdem konnte ich mehr Zeit als sonst mit meiner Frau verbringen, das habe ich extrem genossen. Oder ich bin einfach mit meinem Hund im Garten spazieren gegangen. Sie sehen: Ich kann mich nicht beklagen. Doch ich weiß natürlich, dass nicht jeder in so einer komfortablen Situation wie ich war. Wenn jemand mit drei Kindern und einem Goldfisch in einem Hochhaus festsaß, war das sicher kein Vergnügen. Ich habe mit diesen Menschen gefühlt, die in so einer misslichen Lage waren. Tatsache ist: Wir haben noch lange nicht all die Probleme hinter uns gelassen, die die Pandemie mit sich gebracht hat.

„Ich habe mir nie vorgenommen, Corona-Stücke zu schreiben“

Wie viel Einfluss hatte diese Erkenntnis auf Ihre neuen Lieder?

Keinen bewussten. Ich habe mir nie vorgenommen, Corona-Stücke zu schreiben. Erst hinterher habe ich realisiert, was alle Charaktere in meinen Songs verbindet: Sie sind in einer Übergangsphase. Zwischen zwei Lieben. Zwischen Leben und Tod. Zwischen Krankheit und Gesundheit. Ich denke, gegenwärtig ist jeder von uns auf der Suche nach einer Brücke in eine bessere Zukunft. Raus aus der Pandemie, aus dem Klimawandel, aus der Flüchtlingskrise – das hängt doch alles irgendwie zusammen.

Heißt Ihr Album deshalb „The Bridge“?

Ja. Den gleichnamigen Song habe ich erst am Schluss geschrieben. Natürlich habe auch ich keine Lösung für all die Probleme parat, die ich eben aufgelistet habe. Aber ich weiß: Ohne Empathie wird man sie gewiss nicht überwinden können. Darum schwingt in meinen Nummern Mitgefühl mit. Es ist immer hilfreich, sich in die Situation eines anderen Menschen hineinzuversetzen.

Galt das auch, als Sie Liebeslieder wie „For Her Love“ oder „If It’s Love“ geschrieben haben?

In gewisser Weise schon. Ich mag keine „Ich liebe dich, du liebst mich“-Titel. Sie langweilen mich ungemein! Wesentlich spannender ist es für mich als Songschreiber, diese „Ich liebe dich, aber du liebst einen anderen“-Konstellation zu erkunden. Auf diesem Gebiet kenne ich mich altersbedingt aus, schließlich kann auf einige Erfahrungen in Sachen Liebe zurückblicken. Ich habe mich verliebt, ich habe mich entliebt. Ich bin mit dem gesamten Spektrum an Gefühlen vertraut – von himmelhoch jauchzend bis zu Tode betrübt. Heute haben meine Liebeslieder Authentizität, weil ich nicht mehr so unerfahren wie ein Teenager bin.

Hätten Sie sich als 20-Jähriger vorstellen können, dass Sie mit 70 immer noch Musik machen würden?

Als junger Mann hatte ich den Ehrgeiz, Musiker zu werden. Von einem Aufstieg zum Popstar habe ich ehrlich gesagt gar nicht geträumt. Das hat sich eher zufällig ergeben. Heute ist es mein Ziel, mich weiterhin als Musiker zu behaupten und in meinem Job immer besser zu werden. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, die Musik plötzlich an den Nagel zu hängen – dafür liebe ich sie einfach zu sehr.

Sind Sie jemand, der gern Rückschau hält?

Grundsätzlich lebe ich im Hier und Jetzt. Ich bin dennoch dankbar für meine Karriere. Was ich erreicht habe, macht mich unheimlich stolz. Lassen Sie es mich so formulieren: All meine Songs sind durch DNA-Stränge verbunden. Vielleicht klingt ein neueres Lied auch mal ein bisschen nach The Police oder nach dem frühen Sting, das ist dann sicher keine Überraschung. Ich hoffe allerdings, dass meine Stücke trotzdem progressiv sind. Sie sollen qualitativ hochwertiger sein, als sie es vor zehn oder 20 Jahren gewesen wären.

Wie würden Sie denn den „The Bridge“-Sound beschreiben?

Ich möchte mein Album keinem einzelnen Genre wie Pop zuordnen, es hat ganz viele Einflüsse und ist halt eine Sting-Platte. Ich interessiere mich für recht unterschiedliche Musik. Dieses ewige Schubladendenken ist mir deshalb zuwider. Ich möchte nicht gebrandmarkt werden.

Der Sänger freut sich auf die Rückkehr in sein „Wohnzimmer“: die Bühne.

Bei dem Stück „Harmony Road“ setzt der Saxofonist Branford Marsalis Akzente.

Für mich ist es ein wundervoller Moment, wenn Branford zu spielen beginnt. Er ist ein alter Freund und taucht immer wieder als Gast auf meinen Alben auf.

Weil Sie Jazz mögen?

Ich liebe Jazz. Während ich in der vergangenen Nacht mit dem Bus von Baden-Baden nach Hamburg fuhr, habe ich Thelonius Monks Album „Straight No Chaser“ gehört. Zu dieser Musik bin ich schließlich eingeschlafen.

Auch für Reggae haben Sie bekanntlich ein Faible. Das bewiesen Sie zuletzt 2018 mit ihrem Langspieler „44/876“, den Sie mit dem Musiker Shaggy aufgenommen haben.

Genau. Mit Shaggy werde ich auf jeden Fall wieder zusammenarbeiten. Wir lieben einander nämlich auf eine platonische Art.

Zur Person:

Sting (70), alias Gordon Matthew Thomas Sumner, wurde als Frontmann der britischen Rockband The Police bekannt.

1985 gab er mit „The Dream of the Blue Turtles“ sein Solodebüt. Seither hat er 15 Studioalben herausgebracht.

Das neue Album „The Bridge“ erscheint am 18. November. Die erste Single „If It’s Love“ ist bereits veröffentlicht. (FR)

Ein gemeinsames Projekt mit Shaggy ist nicht Ihr einziger Zukunftsplan. Im Juni 2022 setzen Sie Ihre Las-Vegas-Residenz fort.

Ich fürchte, das Wort Residenz vermittelt einen falschen Eindruck. Ich gebe lediglich ein paar Konzerte in Caesars Palace. Allerdings habe ich einen eigenen Raum mit einer Bühne, die vollständig auf mich und meine Bedürfnisse ausgerichtet ist. Das ist in der Tat ein Novum. In meiner Las-Vegas-Show konzentriere ich mich ganz auf meine größten Hits, dafür werde ich dann während meiner Europatournee das Material meiner neuen Platte vorstellen.

Gewiss ist die Bibel kein heiliges Buch, viele Geschichten sind eher erschreckend. 

Sting

Eine Ihrer Singles heißt „Rushing Water“. Was symbolisiert Wasser für Sie?

Bewusstsein. Wenn ich den Klang des rauschenden Wassers höre, ist das für mich eine Art religiöse Erfahrung. Wie eine Taufe.

Es fällt auf, dass Sie in einigen Ihrer Lieder aus der Bibel zitieren oder Gott erwähnen. Wie stehen Sie zur Religion?

Sie bedeutet mir nichts. Ich wuchs jedoch in einem religiösen Umfeld auf, die Bibel war ein Teil meiner Erziehung. Sie ist für mich eine Quelle der Inspiration. Meiner Ansicht nach ist die King-James-Bibel aus dem 16. Jahrhundert eines der größten Werke der englischen Literatur. Sie beeindruckt mich mit ihrer Sprache, mit ihren Bildern. Gewiss ist die Bibel kein heiliges Buch, viele Geschichten sind eher erschreckend. Sie handeln teilweise von Gewalt, von Vergewaltigung. Aber wie gesagt: Das ist gute Literatur.

Im Gegensatz zu Ihnen halten einige Menschen die Bibel für eine historische Quelle.

Jeder hat eben seinen eigenen Zugang zu diesem Thema. Ich bin weder strenggläubig noch Atheist. Ich würde mich als Agnostiker bezeichnen. Gott ist sicher kein Presbyterianer – falls er denn existiert. Trotzdem denke ich, dass es etwas gibt, das größer als das ist, was wir mit unserem Verstand erfassen können. Ich verstehe es zumindest nicht. Für mich ist diese höhere Macht ein Wunder.

„Hören diese alten Männer, die an der Macht sind, einem jungen Mädchen überhaupt richtig zu?“

Hilft sie Ihnen, selbst in schwierigen Zeiten optimistisch zu bleiben?

Nicht wirklich. Gerade im Hinblick auf den Klimawandel ist es natürlich nicht so leicht, optimistisch in die Zukunft zu schauen. Andererseits ist Optimismus immer noch die beste Lebensstrategie. Was wäre die Alternative? Pessimismus. Verschreibt man sich ihm, dann gerät man in einen Abwärtsstrudel. Das ist wie eine sich selbst erfüllende Prophezeiung. Darum klammere ich mich lieber an die Hoffnung, dass wir uns selber retten.

Was empfinden Sie, wenn Sie sehen, wie sich Greta Thunberg und andere Jugendliche für eine bessere Zukunft einsetzen?

Ich finde das fantastisch. Gleichwohl frage ich mich: Hören diese alten Männer, die an der Macht sind, einem jungen Mädchen überhaupt richtig zu? Das Hauptaugenmerk der Politiker liegt ohne Zweifel darauf, was bei den Wahlen geschieht. Erst wenn sie ihre Macht zu verlieren drohen, nehmen sie endlich von den Jugendlichen Notiz. Auch Demokratie ist eben hart … Dabei obliegt es eigentlich den Regierenden, die Dinge zum Besseren zu wenden. Wir können zwar unseren Müll trennen und zum Beispiel nicht so viel fliegen. Doch die Zielvorgaben für weniger CO2-Emissionen müssen die Politiker festlegen.

Stichwort Politik: Was halten Sie vom Ausgang der letzten Wahl in Großbritannien?

Ich bin mehr als enttäuscht. Mir fällt kein einziger Grund ein, warum der Brexit eine gute Idee gewesen sein sollte. (Interview: Dagmar Leischow)

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