Alte Oper

Neue Musik verstehen oder: Jagd nach Quacksalbers Zopf

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Werke zum Begreifen mit dem Ensemble Modern in der Alten Oper im Rahmen des Musikfests „Atmosphères“.

So wie einem in György Ligetis „Atmosphères“ und weiteren Werken seiner weich formatierten Periode der 60er Jahre eine Romantik in neuer Gestalt zu begegnen scheint, so auch im ganz anders klingenden Klavierkonzert, das gut zwanzig Jahre später entstand. Beim „Musikfest“ rund um die „Atmosphères“ kam es mit dem Ensemble Modern in der Alter Oper Frankfurt zur Aufführung.

Ein Virtuosenkonzert ganz und gar, bei dem der Pianist zwischen Liszt-Rasanz und Rachmaninoff-Pranke alles an Zirzensischem und Aufwühlendem präsentiert, wie nur eines der Schlachtrösser des 19. Jahrhunderts. Dazu ein donnerndes, blechknatterndes, dauererregtes Tutti und einige versunkene, im 2. Satz in tiefster Ruhe und höchster Entrückung gehaltene Klangzüge. All das bleibt frei von romantischer Rhetorik und altvertrauten Idiomen. Allenfalls ein paar ungarische Autochthonismen, vielleicht ein B-A-C-H-Motiv tauchten auf.

Ansonsten 25-minütige Turbulenz in griffiger Sperrigkeit, gewaltiger Polymetrik und harmonischer Reibungsstärke. In der akustischen Enge und Härte des Mozart-Saals die gestalterische Raffinesse stark zusammengepresst und dynamisch entdifferenziert. Ein hellwaches Ensemble Modern spielte unter Leitung von Dirk Kaftan mit einem Ueli Wiget als Solisten, der seine Qualitäten in souveräner Lakonik entfaltete. Der rauschende Beifall galt in erster Linie seiner Leistung.

Bei der Südkoreanerin Unsuk Chin war die Begeisterung des Publikums dem Werk geschuldet, das die 1961 geborene Ligeti-Schülerin 2009 schuf. Eine Folge von sechs Sätzen unter dem Titel „Gougalon, Szenen aus einem Straßentheater“.

Satz 4 „Episode zwischen Flaschen und Dosen“ oder Satz 6 „Die Jagd nach dem Zopf des Quacksalbers“ deuteten gleich an, dass hier die illustrativen, narrativen und szenischen Möglichkeiten von Neuer Musik ausgeschöpft werden. Von der Attraktivität schäbiger, aber um so frenetischerer Haltungen chinesischer Straßen-Mimen mit ihrer unhäuslichen Energie inspirierte Klangverläufe, die grell waren, aber eben auch eine Musik zum Begreifen – die Resonanz im Auditorium zeigte, wie stark das Verstehen von Neuer Musik wirkt.

Musik zum Ergreifen dagegen sucht Michael Pelzel (40) zu komponieren in „Chromosphères“ in memoriam György Ligeti. „Einzigartig rituelle Momente“ faszinieren ihn und ließen ihn einen getragenen, dunkel timbrierten, schweren und rauen Orchesterklang erzeugen. Der hat zwar mit Ritualmusik wenig zu tun, denn solche ist ein Werk für andere Ziele als für sich selbst. Aber als eine Wiederkehr des Verzauberungsmediums in Zeiten entzauberter Funktionalität ein schönes Bemühen um die Kunstreligion des versunkenen bürgerlichen Zeitalters. Ein Jahr jünger als Pelzel ist Felipe Lara aus Brasilien, der eine klar gesetzte diachronische Verlaufsform schuf, die in ihrer Tektonik stringente Zeitbewegung war und das Spektrum fasslicher Formen dieses Abends komplettierte.

Alte Oper Frankfurt: Musikfest „Atmosphères“ bis 30. September. www.alteoper.de

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