Touché Amoré

Die neue Innerlichkeit und die alte Schuld

  • vonNicklas Baschek
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Die Band Touché Amoré stellt im Frankfurter Club Das Bett ihr Album „Stage Four“ vor. Und alle sind nett zueinander.

Touché Amoré gehören zu einer losen Gruppe von jüngeren Hardcore-Bands aus den USA wie Pianos Become The Teeth und La Dispute, die sich eine neue Innerlichkeit trauen. Gegen die Tough Guys in der Hardcore-Szene zählen sie zu den College-Kids mit Tagebuch, Röhrenjeans und Blümchenhemden. Wogegen nichts zu sagen ist. Einen Tag später spielen im Frankfurter „Bett“ dann auch Terror, die sind der Gegenentwurf: Harte Jungs, Violent Dancing vor der Bühne, Muskeln in Unterhemden, der Mensch ist dem Menschen ein Wolf. Hier sind alle nett zueinander, Frauen im Moshpit vor der Bühne und im Stagedive, ohne Hände an den Brüsten und im Schritt. Sollte eine Selbstverständlichkeit sein – ist es leider nicht.

Basement aus Ipswich spielen zuvor, sie wären vor achtzehn Jahren meine Lieblingsband geworden, jetzt schaffen sie es immer noch weit nach vorne. Ich klebe Sänger Andrew Fisher an den Lippen, er bewegt sich ungewohnt, vielleicht wie die Talking Heads oder wie der eigene Vater auf der Tanzfläche. Ein mir besonders lieber Mensch meint, es gäbe überhaupt keinen guten Alternative Rock. Ich werde ihm diese Band zeigen.

Touché Amorés Songs waren auf den ersten zwei Alben fast nie länger als zwei Minuten, sie spielten den schier gigantischen Willen zum Pathos der besten Liveband des Planeten, Envy aus Japan, im Zeitraffer. „Stage Four“ ist das vierte Album der Band, auch schon zwei Jahre alt. Der Titel ist vor allem eine Anspielung auf den Grad, mit dem sich der Krebs breit gemacht hat. Der Krebs tötete die Mutter von Jeremy Bolm, dem Sänger und Lyriker der Band – während er auf der Bühne stand. Und dieses Album dreht sich auch um das Gefühl der Schuld, das da deswegen sein könnte, da ist.

Die Pointe ist natürlich, dass auch ein solches Album sich, je nach Betrachtungsweise, schuldig macht. Schuldig macht damit, Menschen ins Licht zu zerren und womöglich auch auszustellen, die niemals „Ja“ dazu sagten. Da gibt es eine Verantwortung bei jedem, der eine Geschichte erzählt. Wie dieser hier. Und wir, vor der Bühne, sind auch nicht ohne Schuld.

Irgendwann spielen sie „New Halloween“, ein Highlight vom neuen Album. Darin heißt es: „I skip over songs because they’re too hard to hear / Like track 2 on ,Benji‘ or ,What Sarah said‘.“ „Benji“ ist das ziemlich gigantische Album von Sun Kil Moon aus dem Jahre 2014. „What Sarah said“ stammt vom Album „Plans“ von Death Cab for Cutie. Im ersten Song ist nur die Angst vor ihm da, dem Verlust, im zweiten kommt die Zeile: „Love is watching someone die.“ Ich glaube nicht, dass sich die Liebe darin erschöpft, aber das Bild funktioniert dennoch.

Ewig werden Touché Amoré dies hier nicht auf die Bühne bringen können, sehr nachdrücklich, manchmal zu sehr, schreit Bolm einem entgegen, man solle sich nicht um ihn sorgen. Irgendwann wird man ihm glauben. Aber tatsächlich sind denn auch die Songs von „Stage Four“ diejenigen, die noch besser funktionieren. Mit cleanem Gesang gar und Gitarrenlinien, die auch von Gaslight Anthem oder Springsteen sein könnten. Sie singen immer wieder vom Alleinsein. Und es werden immer mehr Menschen kommen und zuhören.

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