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Die Fußbewegung zur Musik: Paar bei einem Wettbewerb in Buenos Aires.

Tango-CDs

Die neue Atemlosigkeit

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Glanzvolle Tango-Alben zum Kennenlernen und Wiedererkennen von Luis Borda, von den „12 Cellisten“ der Berliner Philharmoniker und von Otros Aires, Urgestein des Elektrotango.

Ein Juwel zum Einsteigen

Es ist der Soundtrack zum ultimativen Tango-Film der letzten Jahre. „Our Last Tango“ von German Kral erzählt die Geschichte des Jahrhundert-Paares Maria Nieves und Juan Carlos Copes. Sie begann in Liebe und endete im Hass. Trotzdem haben sie weiter getanzt und den Tango erneuert. Wie der Film ist die Musik dazu ein Juwel. Luis Borda, einer der wichtigsten Musiker des Tango Nuevo, hat die klassischen Stücke der „Epoca d’Oro“ neu arrangiert. Der in München lebende Gitarrist modernisiert das Material, ohne ihm Gewalt anzutun. Damit setzt er das Werk des legendären Sexteto Mayor fort, das den Tango zu Beginn der achtziger Jahre entstaubte. Es war das Orchester der Show „Tango Argentino“, mit der Copes das weltweite Tango-Revival auslöste.

Die überlebenden Musiker spielen gemeinsam mit dem jungen Luis Bordas Versionen. Die CD beginnt mit dem wuchtigen „Quejas de Bandoneon“, das Anibal Troilo bekannt gemacht hat, bei dem Astor Piazzolla begann. Der Höhepunkt: „Contrabajeando“, das die beiden für Kicho Diaz geschrieben haben, den wichtigsten Bassisten des Tango. Eine CD, die auch Hörer zu begeistern vermag, die den Film nicht gesehen haben. Obendrein eine gute Gelegenheit zum Einstieg in die Tangomusik.

Zwölf Cellisten zum Staunen

Es war keine Liebe auf den ersten Blick. Als die „12 Cellisten“ der Berliner Philharmoniker zum ersten Mal mit dem Tango in Berührung kamen, reagierten sie reserviert. Zu fremd, zu schwer erschien ihnen die Musik aus Buenos Aires. Fünfzehn Jahre ist das inzwischen her. Heute sieht die berühmteste Instrumentengruppe des Orchesters ihn als ideale Mischung aus ernster Musik und heiterer Muse, die sie für ihre Programme suchen. Ihre Instrumente passen ohnehin. Zwar fand das Cello nur selten Eingang in die „Orchestra tipica“. Doch seine Klangfarben sind denen des Bandoneons ähnlich, das den Tango prägt.

Ohne den genialen Revolutionär Astor Piazzolla wäre das klassische Dutzend dem Genre allerdings dennoch kaum verfallen. Seine komplizierten Kompositionen, die Einflüsse von Jazz und Klassik aufnehmen, machen den Tango für die Cellisten erst interessant. Die meisten Stücke dieser CD stammen denn auch aus Piazzollas Feder. Der Titel ist eine Anspielung auf sein Meisterwerk „Tango Zero tour“. Höhepunkt des Projekts: „Tres minutos con la realidad“ – ein dreiminütiger Parforceritt voll elementarer Wucht, der den Hörer atemlos zurücklässt.

Rhythmus zum Rätseln

Otros Aires zählen zum Urgestein des Elektrotango – gegründet 2003, vier Jahre, nachdem Gotan Project die Grenzen des Tango gesprengt hatten. Aber während die Musik der Franzosen es auch in Clubs schaffte, die nichts mit dem Tango zu tun haben, blieben Otros Aires der einschlägigen Szene verhaftet – jedenfalls jenen Teilen, die offen sind für moderne Musik. Nicht ohne Ironie haben sie sich einmal als Retro-Avantgarde bezeichnet. Der Begriff meinte ihre Praxis, akustische Fetzen klassischer Tangos von Carlos Gardels „Mi noche riste“ bis zu Osvaldo Puglieses „La Yumba“ in ihren stampfenden elektronischen Sound zu sampeln.

„Perfect Tango“, der Titelsong ihres neuen Projekts, der sich über den Perfektionswahn der Tangoszene lustig macht, überrascht mit einem zunächst rätselhaften Rhythmus. Die Textzeile am Schluss bietet die Lösung: „Hey Mister Tallyman“ aus Harry Belafontes „Banana Boat-Song“: Tangocalypso. Schluss- und Höhepunkt der zehn Titel: Eine Coverversion von Grace Jones’ „I’ve Seen That Face Before“. Nun weiß auch der Letzte, dass das eine Disco-Variante von Piazzollas „Libertango“ ist. Nur als Download erhältlich.

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